Die Seligpreisungen VI

Matthäus 5, 8

Glücklich zu preisen sind die, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott sehen.

Liest man diese Seligpreisung, bekommt man schnell den Eindruck, dass sie grosse Dimensionen anrührt. Ein reines Herz – das muss doch wohl irgendwie das ganze Leben eines Menschen betreffen. Auch die Verheissung, Gott zu schauen, ist vielleicht Ziel und Wunsch eines gläubigen Menschen,  übersteigt aber auf jeden Fall alles, was wir uns vorstellen können. Lloyd-Jones bezeichnet diesen Vers sogar als einen der grossartigsten, aber auch ernstesten in der ganzen Bibel, als “Herzstück der christlichen Lehre”1) – Warum ist diese Seligpreisung dann nicht stärker herausgehoben bei Matthäus und versteckt sich sozusagen unter all den anderen? – Der Erklärungsversuch von Lloyd-Jones dazu wirkt kompliziert und überzeugt mich nicht wirklich. Eine bessere Antwort habe ich aber auch nicht. Vielleicht findet sich dieser Vers darum eingereiht unter die anderen Seligpreisungen, weil man ihn eben doch nicht zu stark herausheben und ohne die anderen lesen und bedenken sollte. Genauer anschauen wollen wir ihn hier natürlich trotzdem:

Ein reines Herz

In Zeiten, die pandemiebedingt der Reinigung vermehrte Aufmerksamkeit schenken und dafür gleichsam neue Rituale entwickeln, ist es ratsam, auch einmal zu bedenken, was denn ein “reines Herz” bedeuten könnte. Es überrascht vermutlich unterdessen nicht mehr, wenn wir auch hier schnell Bezugspunkte zum Alten Testament, insbesondere den Psalmen, finden. Das Herz bezeichnet nach jüdischem Sprachgebrauch das Zentrum einer Person, den Ort, von dem das Wollen, Denken, Trachten und vielleicht auch Fühlen ausgehen2).

Dieses Zentrum, diese Quelle, aus der unser Leben strömt3), kann nun offensichtlich rein oder eben auch unrein sein. Rein, das heisst: lauter, aufrichtig, geradeaus, zuverlässig, und damit nicht verschlagen, sondern rechtschaffen handelnd4), in ungeteiltem Gehorsam gegenüber Gott ohne Sünde.5) Lloyd-Jones nennt auch noch Stichworte wie: Einfältigkeit (im Sinne einer lauteren, offenen Art), Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit im Denken, eine offenherzige Hingabe. Das reine Herz ist ungeteilt, kennt keine Heuchelei.6) Man könnte, etwas weniger abstrakt, auch kurz und bündig sagen: Reinen Herzens sein würde bedeuten, so zu leben, wie es Jesus selber getan hat.

Zur Illustration weiter ein paar konkrete Stellen aus den Psalmen:

Psalm 24, 3-4: “Wer darf hinaufziehen zum Berg des Herrn, wer an seine heilige Stätte treten? Wer reine Hände hat und ein lauteres Herz, wer nicht auf Nichtiges seinen Sinn richtet und nicht falsch schwört.” Da werden ein reines Herz und reine Hände unmittelbar parallel gesetzt. Es geht somit nicht einfach um eine edle Gesinnung, sondern um das damit verbundene konkrete Tun, das sich an den Weisungen Gottes orientiert. Ganz in diese Sinne bittet der Verfasser von Psalm 86, 11b: “Lass eines in meinem Herzen wichtig sein, dass ich deinem Namen mit Ehrfurcht begegne.” (Basisbibel).

Nun ist es aber bei nüchterner Betrachtung besehen doch so, dass das menschliche Herz eben nicht rein ist. Der Dichter des 51. Psalmes bittet deshalb, dass Gott seine Verfehlungen austilge und ihm das reine Herz schenke (Psalm 51, 11-12): “Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, und tilge alle meine Vergehen. Schaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.”  

Der Weg zu einem reinen Herzen geht demnach über die Bitte um Vergebung, die Bitte, dass Gott selber reinigend eingreife. Lloyd-Jones meint zugespitzt: “Wer sind die reinen Herzens? Im Wesentlichen jene, … die wegen der Unreinheit ihrer Herzen trauern.”7)

Aus biblischer Perspektive wird klar: Aus eigener Bemühung, bei aller frommen “Putzwut”, kriege ich mein Herz selber doch nicht rein. Da muss sozusagen das “himmlische Putzinstitut” in Aktion treten. Gott selber, durch seinen Geist, kann das Werk vollbringen. Dabei ist es aber nicht so, dass ich als Mensch bloss in der Zuschauerrolle bliebe. Es ist ein geheimnisvolles Ineinander, wie es prägnant in Philipper 2, 12-13 formuliert ist: “Wirkt nun weiterhin mit Furcht und Zittern auf eure eigene Rettung hin! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, zu seinem eigenen Wohlgefallen.”

Für den Reformator Martin Luther hiess das zum Beispiel: “Gott in den Elenden, Irrenden und Mühhseligen suchen”; “da schaut man Gott, da wird das Herz rein und aller Hochmut liegt darnieder.”8)

Gott schauen

Was soll man sich darunter vorstellen? War es nicht sogar einem Gott besonders nahestehenden Mann wie Mose verwehrt, ihn zu sehen? Lediglich Gott hinterher schauen wurde ihm gestattet, vgl. 2. Mose 33, 17-23. Auch im Neuen Testament finden sich Stellen, die bestätigen, dass man Gott nicht sehen kann, z.B. Johannes 1, 18; 6, 46; 1. Timotheus 6, 16. Trotzdem gab es im Judentum die Hoffnung, dass wir am Ende der Zeiten einmal Gott werden sehen können. Auch das Neue Testament vermittelt diese Hoffnung und Erwartung:

“Denn jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.” 1. Korinther 13, 12

“Ihr Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht zutage getreten, was wir sein werden. Wir wissen aber, dass wir, wenn es zutage tritt, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.” 1. Johannes 3, 2

“Sie werden sein Angesicht schauen, und auf ihrer Stirn wird sein Name stehen.” Offenbarung 22, 4

Wie man sich das vorzustellen hat, führt die Bibel nicht weiter aus. Wahrscheinlich wären die Mittel unserer Sprache auch zu begrenzt, um diesen Vorgang zu beschreiben. Es lässt sich nur schliessen, dass dieses Schauen mit einer ebenso unbeschreiblichen Freude verbunden sein muss. Alle Entfremdung von Gott muss dann überwunden sein, und die Rätsel unseres Lebens, die uns hier umtreiben, werden gelöst oder nicht mehr relevant sein.

  1. a.a.O., S.127 und S. 130 – Die ganze Auslegung zu diesem Vers ist übrigens sehr lesenswert.
  2. Vgl. Luz, a.a.O., S. 211; Wengst, a.a.O. S. 46
  3. Vgl. Lloyd-Jones, S. 131
  4. Wengst, a.a.O., S. 46f
  5. Luz, a.a.O., S. 211
  6. Lloyd-Jones, a.a.O., S. 133
  7. a.a.O., S. 129
  8. zitiert bei Luz, a.a.O. S. 212

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