Jesu Stellung zum Gesetz, Matthäus 5, 17-20 II

Matthäus 5, 19

Wer also auch nur eines dieser Gebote auflöst, und sei es das kleinste, und die Menschen so lehrt, der wird der Geringste sein im Himmelreich. Wer aber tut, was das Gebot verlangt, und so lehrt, der wird gross sein im Himmelreich.

Zwar steht in diesem Vers im Griechischen am Anfang ein “einfacheres” Verb als in V. 17 (der Unterschied lässt sich im Deutschen ungefähr mit “auflösen” und “lösen” wiedergeben), aber von der Bedeutung her besteht kein grosser Unterschied. Wahrscheinlich, so legt der zweite Versteil nahe, ist beides angesprochen: Das eigene Übertreten und das Ausserkraftsetzen in der Lehre. So versteht es auch die Übersetzung ‘Neues Leben. Die Bibel’: “Wenn ihr also das kleinste Gebot brecht und andere dazu ermuntert, dasselbe zu tun,…”

Jesus ermahnt somit besonders diejenigen, welche über Lehrbefugnisse verfügen, auch nicht die als unbedeutend angesehenen Gebote für ungültig zu erklären. Die rabbinischen Lehrer haben unterschieden zwischen leichten und gewichtigen Geboten, je nachdem, was für ihre Erfüllung geleistet werden musste bzw. je nach Lohn, der für ihre Einhaltung verheissen war. Für Jesus spielen solche Unterscheidungen im Endeffekt keine Rolle. Sogenannte kleine Gebote entsprechen den Jotas und Häkchen von V. 18, die nicht vergehen sollen.

Gibt es denn, wie dieser Vers nahelegt, Abstufungen, Hierarchien, Rangordnungen oder dergleichen im Himmel(reich)? –  Es gab im damaligen Judentum solche Vorstellungen1). Auch die Bitte der Mutter der Zebedäussöhne, (20, 21), dass ihre Söhne zur Rechten und zur Linken von Jesus sitzen dürfen im Reich Gottes, geht davon aus. Jesus antwortet, dass es nicht in seiner Kompetenz stehe, diese Bitte zu erfüllen, bestreitet aber nicht, dass es solche Ehrenplätze gibt. Vgl. auch 18, 1-4.

Interessant ist die Aussage, dass wer die kleinen Gebote der Torah nicht befolgt, offenbar nicht aus dem Himmelreich ausgeschlossen werden soll, sondern dort einfach im untersten Rang platziert wird. Oder meint die Formulierung doch verklausuliert den Ausschluss, wie verschiedene Ausleger vermutet haben? Mir scheint die erste Deutung wahrscheinlicher.

Aber wie auch immer, man sieht daraus, als wie bedeutsam im Matthäusevangelium die ganze Torah geachtet wird. Luz schreibt dazu: “Für Matthäus ist es – von Jesus her – prinzipell klar, dass “Recht, Barmherzigkeit  und Treue”, also faktisch das Liebesgebot, das Hauptgebot ist und Gebote wie das des Verzehntens (23, 23) … Jotas und Häkchen. Das Liebesgebot steht im Zentrum; die Zeremonialgesetze sind zweitrangig. Aber sie sind auch Teile des Gesetzes, das Jesus im ganzen erfüllt.”2)

  1. Ausführlicher bei Luz, a.a.O. S. 238f
  2. a.a.O., S. 240

Matthäus 5, 20

Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, werdet ihr nicht ins Himmelreich hineinkommen.

Vers 20 ist so etwas wie der Titel über den ganzen folgenden Abschnitt, eine voranstehende Zusammenfassung der folgenden “Antithesen”, vergleichbar dem Lead eines heutigen journalistischen Textes.

Der Anschluss an Vers 19 erfolgt mit einem “Denn…”. Das macht deutlich, dass die 17-19 erwähnte Torah Bestandteil der Gerechtigkeit ist, von der nun die Rede ist. Es geht hier eindeutig um Gerechtigkeit, die der Mensch tut (vgl. 3, 15)1) Die Lutherübersetzung “Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist, …” legt eine qualitative Unterscheidung nahe. Aber eigentlich geht es um eine quantitative Unterscheidung: “Wenn eure Gerechtigkeit nicht in messbar höherem Mass reichlicher vorhanden ist als die der Schriftgelehrten…”2) oder: “Wenn eure Gerechtigkeit  nicht in größerem Überfluss vorhanden ist…”3)

Gefragt ist also ein höheres Mass an Toraherfüllung, ein Mehr an grossen und kleinen Geboten, die beachtet werden. Dazu gehört ein Übereinstimmen von Rede und Leben. In 23, 3 wird das Thema aufgegriffen. Jesus kritisiert die Schriftgelehrten und Pharisäer, weil bei ihnen Reden und Handeln nicht zusammenpassen: “Was immer sie euch sagen, das tut und haltet! Nach dem, was sie tun, aber richtet euch nicht, sie reden nur, aber tun nicht danach.”

Man kann sich nun im Vorausblick auf die folgenden sogenannten “Antithesen” mit ihren Verschärfungen der Gebote fragen, ob diese quasi einen neuen “Zaun um die Torah” bilden sollen und damit helfen, die Gebote auch sicher einzuhalten. Ich zitiere dazu eine aus meiner Sicht wichtige Bemerkung von Luz: “Das entscheidende ist vielmehr für Matthäus dies, dass das Liebesgebot zur Mitte dieser verschärften Einzelgebote wird. … Von den Antithesen her bedeutete die bessere Gerechtigkeit der Jünger nicht nur eine – an der Tora gemessene – quantitative Steigerung der Gesetzeserfüllung, sondern vor allem eine – an der Liebe gemessene – qualitative Intensivierung des Lebens vor Gott.”4)

  1. Luz, a.a.O., S. 240
  2. Luz, a.a.O., S. 240
  3. Wengst, a.a.O., S. 75
  4. Luz, a.a.O., S. 241

Aktualisierung

Was bedeutet dieser Abschnitt aber nun für unser Leben als Christenmenschen im 21. Jahrhundert?

Würden diese Verse nicht in der Bibel und dazu noch im Neuen Testament stehen, würden wir sie vielleicht schnell abtun mit der Begründung, es gehe dabei um “Werkgerechtigkeit” und diese sei nach dem Neuen Testament “überholt”. Aber die Bergpredigt ist ja auch Neues Testament, und wir merken immer mehr, dass es den Widerspruch in der erwähnten Art zwischen Gesetz und Gnade für Matthäus nicht gibt. “Für ihn gehört Gesetz zur Gnade … Darum ist es für ihn unmöglich, mit dem Geschenk des von Jesus erfüllten Gesetzes den Gedanken der Werkgerechtigkeit zu verbinden.”1)

Aber wie ist es mit den “spezifisch jüdischen Anteilen” in diesem Gesetz? Wenn wir argumentieren, das Sittengesetz (z.B. die zehn Gebote) sei für uns nach wie vor gültig, das Zeremonialgesetz (Opfersystem, jüdische Feiertage) aber nicht mehr, dann ist diese Unterscheidung im Blick auf unseren Abschnitt ebenfalls schwierig zu begründen.

Können wir uns aus der Affäre ziehen, indem wir auf das “judenchristliche Milieu” des Matthäusevangeliums verweisen? Auf jeden Fall nicht so, dass wir damit unseren Abschnitt quasi über Bord werfen könnten als für uns nicht mehr relevanten Bestandteil der Bibel. Es kann andererseits auch nicht gemeint sein, dass wir zuerst Jude und Jüdin werden müssten, um “richtig” Christen werden zu können. Da sprechen die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus deutlich dagegen.

Es wird nicht ohne manchmal beschwerliches Forschen, Abwägen und Diskutieren abgehen (ch freue mich auf Reaktionen), um in Verantwortung vor dem dreieinigen Gott zu Lösungen zu kommen, welche seinem Willen entsprechen, den Worten der Bergpredigt gerecht werden und das Alte Testament nicht verachten. Jesus Christus hat das Gesetz in allen Teilen völlig erfüllt. Das ist für uns Trost und Rettung, weil wir ihm darin bei allem guten Willen letztlich nicht folgen könnten. Trotzdem bleibt ja Vers 16 als Aufgabe der christlichen Gemeinde bestehen. Durch ihr Leben, ihr Reden und Handeln soll Gott von allen Menschen gepriesen werden.

  1. Luz, a.a.O., S.241

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