Die so genannten Antithesen  Matthäus 5, 21-48

Vorbemerkungen

Ab Vers 21 bis Kapitelsende Vers 48 folgen sechs Abschnitte, in denen Jesus sich zu Gesetzesvorschriften aus dem Alten Testament äussert. Sie werden häufig als “Antithesen” bezeichnet, weil sie mit den Worten: “… ich aber sage euch…” eingeleitet werden. Aber sind es denn überhaupt wirkliche Antithesen? – Eine knifflige Frage, die unterschiedlich beantwortet wird.

Susanne Schmid geht vom einleitenden Satz aus: “Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist” (V. 21a). Sie versteht ihn so, dass Jesus damit auf die mündliche Überlieferung, nicht auf die schriftliche Torah (die Bibel) Bezug nehme. “Ihr habt gehört” bedeute in der Gelehrtensprache jener Zeit soviel wie: “Ihr habt als Tradition empfangen”. Weiter bedeute: “Es ist gesagt worden” ebenfalls soviel wie: “Es ist als Tradition gelehrt worden”. Das Besondere und Unerhörte an der Rede Jesu sei nun, dass er mit dem: “Ich aber sage euch” in eigener Autorität lehre und sich nicht auf andere Gelehrte berufe und somit seinen Jüngern eine eigene, neue Auslegung des biblischen Wortes gebe.

Der Bezug des “Ihr habt gehört” auf die Tradition sieht sich aber mit dem Problem konfrontiert, dass zumindest in der zweiten (ehebrechen) und in der fünften (Auge um Auge) Antithese direkt aus dem Alten Testament zitiert und nicht Gelehrteninterpretation referiert wird. Das “Ihr habt gehört” kann durchaus allgemeiner und muss nicht zwangsläufig als “Fachausdrucks verstanden werden. Also etwa im Sinne von: “Man hat euch – z.B. in der Synagoge –  gelehrt, dass…” Weiter ist die formelhafte Wendung “Es ist gesagt worden” in ihrer charakteristischen Passivformulierung wohl eher auf Gott selber zu beziehen als auf die Tradition: Gott selber hat zu den Alten, d.h. zu den Menschen der Sinaigeneration, gesagt… Dieser Passivwendung – und nicht etwa dem “Ihr habt gehört” –  steht das “Ich aber sage euch” gegenüber. Das würde insgesamt dann aber bedeuten, dass Jesus seine Worte dem Alten Testament selber gegenüber stellt und nicht bloss dessen Auslegung durch (andere) Gelehrte. So versteht es jedenfalls Luz.1)

Noch etwas weiter als Schmid geht Wengst. Wortreich und etwas gar weit hergeholt versucht er zu zeigen, dass das “Ich aber sage euch” an dieser Stelle zwar vom Wortlaut her nicht falsch, aber doch unpassend übersetzt sei. Weder sei das Ich von Jesus betont, noch ein Gegensatz zu den zitierten Worten beabsichtigt, vielmehr müsse man es als: “Und ich sage” verstehen, im Sinne von: “Ich lege das so aus”2)  (ähnlich übersetzt übrigens die “Bibel in gerechter Sprache”). Nicht zuletzt geht es Wengst darum, bei der Auslegung nicht in eine “antijüdische Falle”3) zu tappen. Wer das “Ich aber sage euch” so verstehe, dass Jesus damit die eigentliche, ursprüngliche Bedeutung der Gebote herausstellen wolle, tappe eben in diese Falle, indem so die bisher erfolgte jüdische Auslegung zwangsläufig abgewertet werde.4) Andererseits wäre zu fragen, weshalb Matthäus, wenn er wirklich die Aussagen von Jesus in keiner Weise “antithetisch” hätte darstellen wollte, das nicht sprachlich eindeutiger formuliert hat. Das Griechische hätte ihm sicher Möglichkeiten dazu gegeben.

Gegen die oben skizzierte Auffassung von Luz wiederum wäre einzuwenden, dass sich in den Auslegungen von Jesus “nichts” findet, “was nicht auch in rabbinischer Überlieferung zu finden wäre oder stehen könnte.”5) , was den Begriff Antithese fraglich macht. Etwas vorsichtiger räumt Luz selber ein: “Um so verblüffender ist aber, dass mindestens einige Antithesen inhaltlich nichts enthalten, was in jüdischer Überlieferung nicht auch zu finden wäre.”6)

Also doch keine “Antithesen”? – Auf jeden Fall eher eine Überbietung als eine Auslegung des Alten Testamentes, wie Luz selber formuliert.7) Zu beachten auch seine Bemerkung, dass es sowohl in der ersten wie in der letzten “Antithese”, also sozusagen dem Rahmen des ganzen Abschnittes, um die Liebe geht.8) Wieder einmal könnte sie, so wie sie durch Jesus in diese Welt gekommen ist, der Schlüssel sein – im Blick auf das, was er selber zu den Geboten sagt und damit auch im Blick auf die “bessere Gerechtigkeit” von Vers 20. Aber prüfen wir die einzelnen Abschnitte darauf hin.

1) So Luz ausführlicher a.a.O., S. 248f

2) Wengst, a.a.O. S. 80

3) a.a.O. S. 81

4) a.a.O. S. 81

5) a.a.O. S. 80

6) a.a. O. S. 249

7) ebenfalls S. 249

8) a.a.O. S. 250


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