Salz der Erde und Licht der Welt III

Matthäus 5, 15

Auch zündet niemand eine Lampe an und stellt sie dann unter ein Gefäß. Im Gegenteil: Man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt.

Wieder sehr bildhaft und einprägsam verdeutlicht Jesus noch einmal die Lichtfunktion derer, die ihm zuhören und vertrauen. Die Stadt auf dem Berg von Vers 14 leuchtet primär für ihre Einwohner, dass ihre Lampen auch denen, die nachts ausserhalb unterwegs sind, leuchten, ist ein damals vermutlich angenehmer Nebeneffekt. Heute spricht man dagegen eher von Lichtverschmutzung. Jedoch der Vergleich mit der Lampe in unserem Vers zielt auf die Absicht. Man zündet abends Lichter an, damit alle im Haus “etwas sehen”. Eine Licht anzünden, damit es Helligkeit verbreitet, ist eine Selbstverständlichkeit, und es würde niemandem einfallen, eine brennende Lampe unter einen Kübel zu stellen. Kerzenlicht oder damals gebräuchliche Öllampen würde man so nicht nur nicht sehen, sie würden auch bald verlöschen. Das in den traditionellen Bibelübersetzungen (Luther, Zürcher) verwendete Wort “Scheffel” bezeichnet ein Massgefäss. Es soll einen Inhalt von ungefähr 8, 75 Liter gehabt haben. Das Licht aber gehört auf einen passenden Ständer, soll damit gut sichtbar sein und so seinen Zweck erfüllen. Es soll allen (!) im Haus leuchten. Es ist demnach nicht nur Leselampe für die eigenen Bedürfnisse.

‘Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen’ ist eine noch heute gelegentlich gebrauchte Redewendung für falsche Bescheidenheit. Ist denn gemeint, dass die christliche Gemeinde sich zur Schau stellen solle, nach dem Motto: ‘Tue Gutes und rede darüber?’ – Dass es hier nicht um Selbstdarstellung, nicht um Wichtigtuerei oder sonst eine Form von frommem Narzissmus geht, zeigt der nächste Vers.

Matthäus 5, 16

So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Dieser Vers ist von Bedeutung, weil er hilft, die voranstehenden einzuordnen. Kurz und bündig: Die Christen sind Salz der Erde und Licht der Welt, indem sie ihre guten Werke leuchten lassen.1) Der aufmerksame, aber ein wenig misstrauische Reformierte könnte an dieser Stelle natürlich sofort fragen, ob denn Matthäus “Werkgerechtigkeit” lehre und nicht um die Rechtfertigung aus dem Glauben wisse. Aber um diesen Gegensatz geht es hier nicht. So wie das Licht nur Licht ist, wenn es leuchtet, so ist der Christ nur Christ, wenn er in dem lebt, was ihm zugesprochen ist. Oder wie es Wengst in einer unserer Zeit entsprechenden Interpretation des Lichtes anschaulich ausdrückt: “…  Gemeinde [ist] nur Gemeinde im Vollzug, im Ereignis, in ihren Taten. Jesus hat  seine Schüler sozusagen „unter Strom gesetzt“ und so können sie gar nicht  anders als zu „leuchten“.”2)

Inhaltlich kann man die “guten Taten” recht allgemein fassen und darunter all das verstehen, was in den voranstehenden Seligpreisungen genannt ist und ebenso, was in den Antithesen ab Vers 17 behandelt wird (siehe dort).

Mir scheint, mit diesen guten Taten sollen zwei Ziele verfolgt werden:

  1. ein im besten Sinne missionarisches: Das Licht der Jünger und Jüngerinnen von Jesus soll leuchten vor den Menschen. Zwar steht dieser Satz in einer gewissen Spannung zu Kap. 6, 1 u. 5, mit der wir uns dann dort näher befassen wollen. Aber hier ist doch auffällig, dass nicht an die Verkündigung des  Wortes appelliert wird, sondern dass dem Leben und Wirken der Jesusjünger entscheidende Bedeutung zukommt. Man spricht ja nicht nur durch seine Worte, sondern auch durch sein Tun und lassen, manchmal sogar viel lauter… Das heisst aber gleichzeitig, dass es in der christlichen Gemeinde nie nur um die Predigt des Wortes und damit um die damit Beauftragten (Pfarrpersonen…) gehen kann, sondern dass das Leben und Wirken der ganzen Gemeinde im Blick ist, weil allen in ihr Tätigen Lichtfunktion zukommt.
  2. soll alles Tun des Guten letztlich der Ehre und Verherrlichung Gottes dienen (Soli Deo gloria). Also gerade nicht Zurschaustellung der eigenen frommen Leistung und keine narzisstische Profilierung. Und, was bemerkenswert ist, soll durch die guten Taten der Jünger und Jüngerinnen nicht nur quasi das “interne Lob” der Gemeinde beflügelt werden, sondern sollen alle Menschen, die diese Werke sehen oder davon profitieren, zum Lobpreis Gottes animiert werden. Zum ersten Mal im Matthäusevangelium wird Gott hier übrigens  “Vater im Himmel” genannt. Er ist der, welcher in seiner väterlichen Fürsorge die Gemeinde seines Sohnes leitet und unterstützt in ihrer Salz- und Lichtfunktion und damit im Tun der guten Taten.
  1. vgl. Luz, a.a.O. S. 224
  2.  Wengst, a.a.O. S. 62