Die so genannten Antithesen  Matthäus 5, 21-48

Vorbemerkungen

Ab Vers 21 bis Kapitelsende Vers 48 folgen sechs Abschnitte, in denen Jesus sich zu Gesetzesvorschriften aus dem Alten Testament äussert. Sie werden häufig als “Antithesen” bezeichnet, weil sie mit den Worten: “… ich aber sage euch…” eingeleitet werden. Aber sind es denn überhaupt wirkliche Antithesen? – Eine knifflige Frage, die unterschiedlich beantwortet wird.

Susanne Schmid geht vom einleitenden Satz aus: “Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist” (V. 21a). Sie versteht ihn so, dass Jesus damit auf die mündliche Überlieferung, nicht auf die schriftliche Torah (die Bibel) Bezug nehme. “Ihr habt gehört” bedeute in der Gelehrtensprache jener Zeit soviel wie: “Ihr habt als Tradition empfangen”. Weiter bedeute: “Es ist gesagt worden” ebenfalls soviel wie: “Es ist als Tradition gelehrt worden”. Das Besondere und Unerhörte an der Rede Jesu sei nun, dass er mit dem: “Ich aber sage euch” in eigener Autorität lehre und sich nicht auf andere Gelehrte berufe und somit seinen Jüngern eine eigene, neue Auslegung des biblischen Wortes gebe.

Der Bezug des “Ihr habt gehört” auf die Tradition sieht sich aber mit dem Problem konfrontiert, dass zumindest in der zweiten (ehebrechen) und in der fünften (Auge um Auge) Antithese direkt aus dem Alten Testament zitiert und nicht Gelehrteninterpretation referiert wird. Das “Ihr habt gehört” kann durchaus allgemeiner und muss nicht zwangsläufig als “Fachausdrucks verstanden werden. Also etwa im Sinne von: “Man hat euch – z.B. in der Synagoge –  gelehrt, dass…” Weiter ist die formelhafte Wendung “Es ist gesagt worden” in ihrer charakteristischen Passivformulierung wohl eher auf Gott selber zu beziehen als auf die Tradition: Gott selber hat zu den Alten, d.h. zu den Menschen der Sinaigeneration, gesagt… Dieser Passivwendung – und nicht etwa dem “Ihr habt gehört” –  steht das “Ich aber sage euch” gegenüber. Das würde insgesamt dann aber bedeuten, dass Jesus seine Worte dem Alten Testament selber gegenüber stellt und nicht bloss dessen Auslegung durch (andere) Gelehrte. So versteht es jedenfalls Luz.1)

Noch etwas weiter als Schmid geht Wengst. Wortreich und etwas gar weit hergeholt versucht er zu zeigen, dass das “Ich aber sage euch” an dieser Stelle zwar vom Wortlaut her nicht falsch, aber doch unpassend übersetzt sei. Weder sei das Ich von Jesus betont, noch ein Gegensatz zu den zitierten Worten beabsichtigt, vielmehr müsse man es als: “Und ich sage” verstehen, im Sinne von: “Ich lege das so aus”2)  (ähnlich übersetzt übrigens die “Bibel in gerechter Sprache”). Nicht zuletzt geht es Wengst darum, bei der Auslegung nicht in eine “antijüdische Falle”3) zu tappen. Wer das “Ich aber sage euch” so verstehe, dass Jesus damit die eigentliche, ursprüngliche Bedeutung der Gebote herausstellen wolle, tappe eben in diese Falle, indem so die bisher erfolgte jüdische Auslegung zwangsläufig abgewertet werde.4) Andererseits wäre zu fragen, weshalb Matthäus, wenn er wirklich die Aussagen von Jesus in keiner Weise “antithetisch” hätte darstellen wollte, das nicht sprachlich eindeutiger formuliert hat. Das Griechische hätte ihm sicher Möglichkeiten dazu gegeben.

Gegen die oben skizzierte Auffassung von Luz wiederum wäre einzuwenden, dass sich in den Auslegungen von Jesus “nichts” findet, “was nicht auch in rabbinischer Überlieferung zu finden wäre oder stehen könnte.”5) , was den Begriff Antithese fraglich macht. Etwas vorsichtiger räumt Luz selber ein: “Um so verblüffender ist aber, dass mindestens einige Antithesen inhaltlich nichts enthalten, was in jüdischer Überlieferung nicht auch zu finden wäre.”6)

Also doch keine “Antithesen”? – Auf jeden Fall eher eine Überbietung als eine Auslegung des Alten Testamentes, wie Luz selber formuliert.7) Zu beachten auch seine Bemerkung, dass es sowohl in der ersten wie in der letzten “Antithese”, also sozusagen dem Rahmen des ganzen Abschnittes, um die Liebe geht.8) Wieder einmal könnte sie, so wie sie durch Jesus in diese Welt gekommen ist, der Schlüssel sein – im Blick auf das, was er selber zu den Geboten sagt und damit auch im Blick auf die “bessere Gerechtigkeit” von Vers 20. Aber prüfen wir die einzelnen Abschnitte darauf hin.

1) So Luz ausführlicher a.a.O., S. 248f

2) Wengst, a.a.O. S. 80

3) a.a.O. S. 81

4) a.a.O. S. 81

5) a.a.O. S. 80

6) a.a. O. S. 249

7) ebenfalls S. 249

8) a.a.O. S. 250

Jesu Stellung zum Gesetz, Matthäus 5, 17-20 II

Matthäus 5, 19

Wer also auch nur eines dieser Gebote auflöst, und sei es das kleinste, und die Menschen so lehrt, der wird der Geringste sein im Himmelreich. Wer aber tut, was das Gebot verlangt, und so lehrt, der wird gross sein im Himmelreich.

Zwar steht in diesem Vers im Griechischen am Anfang ein “einfacheres” Verb als in V. 17 (der Unterschied lässt sich im Deutschen ungefähr mit “auflösen” und “lösen” wiedergeben), aber von der Bedeutung her besteht kein grosser Unterschied. Wahrscheinlich, so legt der zweite Versteil nahe, ist beides angesprochen: Das eigene Übertreten und das Ausserkraftsetzen in der Lehre. So versteht es auch die Übersetzung ‘Neues Leben. Die Bibel’: “Wenn ihr also das kleinste Gebot brecht und andere dazu ermuntert, dasselbe zu tun,…”

Jesus ermahnt somit besonders diejenigen, welche über Lehrbefugnisse verfügen, auch nicht die als unbedeutend angesehenen Gebote für ungültig zu erklären. Die rabbinischen Lehrer haben unterschieden zwischen leichten und gewichtigen Geboten, je nachdem, was für ihre Erfüllung geleistet werden musste bzw. je nach Lohn, der für ihre Einhaltung verheissen war. Für Jesus spielen solche Unterscheidungen im Endeffekt keine Rolle. Sogenannte kleine Gebote entsprechen den Jotas und Häkchen von V. 18, die nicht vergehen sollen.

Gibt es denn, wie dieser Vers nahelegt, Abstufungen, Hierarchien, Rangordnungen oder dergleichen im Himmel(reich)? –  Es gab im damaligen Judentum solche Vorstellungen1). Auch die Bitte der Mutter der Zebedäussöhne, (20, 21), dass ihre Söhne zur Rechten und zur Linken von Jesus sitzen dürfen im Reich Gottes, geht davon aus. Jesus antwortet, dass es nicht in seiner Kompetenz stehe, diese Bitte zu erfüllen, bestreitet aber nicht, dass es solche Ehrenplätze gibt. Vgl. auch 18, 1-4.

Interessant ist die Aussage, dass wer die kleinen Gebote der Torah nicht befolgt, offenbar nicht aus dem Himmelreich ausgeschlossen werden soll, sondern dort einfach im untersten Rang platziert wird. Oder meint die Formulierung doch verklausuliert den Ausschluss, wie verschiedene Ausleger vermutet haben? Mir scheint die erste Deutung wahrscheinlicher.

Aber wie auch immer, man sieht daraus, als wie bedeutsam im Matthäusevangelium die ganze Torah geachtet wird. Luz schreibt dazu: “Für Matthäus ist es – von Jesus her – prinzipell klar, dass “Recht, Barmherzigkeit  und Treue”, also faktisch das Liebesgebot, das Hauptgebot ist und Gebote wie das des Verzehntens (23, 23) … Jotas und Häkchen. Das Liebesgebot steht im Zentrum; die Zeremonialgesetze sind zweitrangig. Aber sie sind auch Teile des Gesetzes, das Jesus im ganzen erfüllt.”2)

  1. Ausführlicher bei Luz, a.a.O. S. 238f
  2. a.a.O., S. 240

Matthäus 5, 20

Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, werdet ihr nicht ins Himmelreich hineinkommen.

Vers 20 ist so etwas wie der Titel über den ganzen folgenden Abschnitt, eine voranstehende Zusammenfassung der folgenden “Antithesen”, vergleichbar dem Lead eines heutigen journalistischen Textes.

Der Anschluss an Vers 19 erfolgt mit einem “Denn…”. Das macht deutlich, dass die 17-19 erwähnte Torah Bestandteil der Gerechtigkeit ist, von der nun die Rede ist. Es geht hier eindeutig um Gerechtigkeit, die der Mensch tut (vgl. 3, 15)1) Die Lutherübersetzung “Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist, …” legt eine qualitative Unterscheidung nahe. Aber eigentlich geht es um eine quantitative Unterscheidung: “Wenn eure Gerechtigkeit nicht in messbar höherem Mass reichlicher vorhanden ist als die der Schriftgelehrten…”2) oder: “Wenn eure Gerechtigkeit  nicht in größerem Überfluss vorhanden ist…”3)

Gefragt ist also ein höheres Mass an Toraherfüllung, ein Mehr an grossen und kleinen Geboten, die beachtet werden. Dazu gehört ein Übereinstimmen von Rede und Leben. In 23, 3 wird das Thema aufgegriffen. Jesus kritisiert die Schriftgelehrten und Pharisäer, weil bei ihnen Reden und Handeln nicht zusammenpassen: “Was immer sie euch sagen, das tut und haltet! Nach dem, was sie tun, aber richtet euch nicht, sie reden nur, aber tun nicht danach.”

Man kann sich nun im Vorausblick auf die folgenden sogenannten “Antithesen” mit ihren Verschärfungen der Gebote fragen, ob diese quasi einen neuen “Zaun um die Torah” bilden sollen und damit helfen, die Gebote auch sicher einzuhalten. Ich zitiere dazu eine aus meiner Sicht wichtige Bemerkung von Luz: “Das entscheidende ist vielmehr für Matthäus dies, dass das Liebesgebot zur Mitte dieser verschärften Einzelgebote wird. … Von den Antithesen her bedeutete die bessere Gerechtigkeit der Jünger nicht nur eine – an der Tora gemessene – quantitative Steigerung der Gesetzeserfüllung, sondern vor allem eine – an der Liebe gemessene – qualitative Intensivierung des Lebens vor Gott.”4)

  1. Luz, a.a.O., S. 240
  2. Luz, a.a.O., S. 240
  3. Wengst, a.a.O., S. 75
  4. Luz, a.a.O., S. 241

Aktualisierung

Was bedeutet dieser Abschnitt aber nun für unser Leben als Christenmenschen im 21. Jahrhundert?

Würden diese Verse nicht in der Bibel und dazu noch im Neuen Testament stehen, würden wir sie vielleicht schnell abtun mit der Begründung, es gehe dabei um “Werkgerechtigkeit” und diese sei nach dem Neuen Testament “überholt”. Aber die Bergpredigt ist ja auch Neues Testament, und wir merken immer mehr, dass es den Widerspruch in der erwähnten Art zwischen Gesetz und Gnade für Matthäus nicht gibt. “Für ihn gehört Gesetz zur Gnade … Darum ist es für ihn unmöglich, mit dem Geschenk des von Jesus erfüllten Gesetzes den Gedanken der Werkgerechtigkeit zu verbinden.”1)

Aber wie ist es mit den “spezifisch jüdischen Anteilen” in diesem Gesetz? Wenn wir argumentieren, das Sittengesetz (z.B. die zehn Gebote) sei für uns nach wie vor gültig, das Zeremonialgesetz (Opfersystem, jüdische Feiertage) aber nicht mehr, dann ist diese Unterscheidung im Blick auf unseren Abschnitt ebenfalls schwierig zu begründen.

Können wir uns aus der Affäre ziehen, indem wir auf das “judenchristliche Milieu” des Matthäusevangeliums verweisen? Auf jeden Fall nicht so, dass wir damit unseren Abschnitt quasi über Bord werfen könnten als für uns nicht mehr relevanten Bestandteil der Bibel. Es kann andererseits auch nicht gemeint sein, dass wir zuerst Jude und Jüdin werden müssten, um “richtig” Christen werden zu können. Da sprechen die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus deutlich dagegen.

Es wird nicht ohne manchmal beschwerliches Forschen, Abwägen und Diskutieren abgehen (ch freue mich auf Reaktionen), um in Verantwortung vor dem dreieinigen Gott zu Lösungen zu kommen, welche seinem Willen entsprechen, den Worten der Bergpredigt gerecht werden und das Alte Testament nicht verachten. Jesus Christus hat das Gesetz in allen Teilen völlig erfüllt. Das ist für uns Trost und Rettung, weil wir ihm darin bei allem guten Willen letztlich nicht folgen könnten. Trotzdem bleibt ja Vers 16 als Aufgabe der christlichen Gemeinde bestehen. Durch ihr Leben, ihr Reden und Handeln soll Gott von allen Menschen gepriesen werden.

  1. Luz, a.a.O., S.241

Jesu Stellung zum Gesetz Matthäus 5, 17-20

Vorbemerkungen

“Unsere Verse gehören zu  den schwierigsten im Evangelium.”1) – Huch, wenn das sogar ein namhafter wissenschaftlicher Kommentar zu diesem Abschnitt einräumt, dann wird es wohl so sein… Trotzdem kann man nicht gut darüber hinweglesen, denn diese Verse leiten den Hauptteil der Bergpredigt ein.  Man kann davon ausgehen, dass sie deshalb für Matthäus selber von grosser Bedeutung waren und darlegen wollen, in welchem Sinn man den folgenden Teil verstehen soll. Allerdings deutet eine grosse Bandbreite von Interpretationen an, dass in VV 17-20 tatsächlich manches nicht leicht einzuordnen ist. Ich will im Folgenden versuchen, ein paar Punkte, die mir plausibel erscheinen, festzuhalten.


Matthäus 5, 17

Meint nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Nicht um aufzulösen, bin ich gekommen, sondern um zu erfüllen.

“Meint nicht…” spricht die Zuhörenden und mit ihnen die Leserschaft direkt an. Es geht dabei nicht um irgend ein Detailproblem, sondern grundsätzlich darum, wie Jesus das “Gesetz und die Propheten” versteht. “Gesetz und Propheten” war ein feststehender, allgemein bekannter Ausdruck für die damals bestehende Bibel bzw. die heiligen Schriften des Judentums. Hinter dem Begriff “Gesetz” (so zumeist die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen) steht der hebräische Begriff “Torah”. “Gesetz” für “Torah” ist aber einengend, “Weisung”, im Sinne von Wegweisung, Anweisung zu einem gelingenden Leben, wäre eine zutreffendere Übersetzung.

Schwieriger wird es nun, wenn es darum geht, zu bestimmen, was genau mit den beiden Verben “auflösen” und “erfüllen” gemeint ist. Gut nachvollziehbar und an unserer Stelle passend finde ich, wenn man “auflösen” im Sinne von “ausser Kraft setzen” versteht (vgl. Gute Nachricht Bibel; Neue Genfer Übersetzung) und “erfüllen” so, dass Jesus “in seinem Leben durch seinen Gehorsam die Foderungen von Gesetz und Propheten erfüllt, d.h. das Gesetz hält”2) Dies erweist sich in seinem Handeln, in seinem ganzen Verhalten, wozu auch sein Lehren gehört (vgl. nachher die Verse 20-48). In einem weiteren, im Text nicht direkt angesprochenen Sinn, darf man sicher auch darauf hinweisen, dass Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung das Gesetz noch in einer umfassenderen Weise “erfüllt” und zu seinem Ziel gebracht hat. Wie Jesus das Erfüllen im Einzelnen versteht, werden die kommenden Abschnitte zeigen. Der nächste Vers verdeutlicht die Bedeutung des Gesetzes weiter:

  1. Luz a.a.O., S. 230
  2. Luz a.a.O. S. 232, Variante 2b); Wengst, a.a.O. S.  68 legt den Akzent auf “in Geltung setzen”, was m.E. durchaus auch mitschwingt.


Matthäus 5, 18

Denn, amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, soll vom Gesetz nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen vergehen, bis alles geschieht.

Die Zürcher Bibel lässt das “Amen” am Anfang des griechischen Textes unübersetzt. Es drückt in der Regel die zustimmende Antwort der Zuhörenden aus. So wird es ja bis heute beim Beten gebraucht. Die Grundbedeutung des hebräischen Wortstammes hat zu tun mit verlässlich, wahr und treu sein. Hier und an anderen Stellen wird das Wort von Jesus selber zur Bekräftigung und Betonung der Wichtigkeit seiner folgenden Aussage verwendet. Die Lutherbibel übersetzt mit dem ein wenig altertümlichen “…wahrlich, ich sage euch…” die Gute Nachricht Bibel umschreibt elegant: “Ich versichere euch…”.

Das Jota im Griechischen oder Jod im Hebräischen ist jeweils der kleinste Buchstabe im Alphabet dieser Sprache in dem Sinne, dass am wenigsten Tinte gebraucht wird, um ihn zu schreiben. Mit den Häkchen (andere übersetzen: Tüpfelchen, Strichlein oder Komma) sind wohl am ehesten Akzente gemeint, die es im Griechischen ähnlich wie im Französischen gibt.

Es ist auch vermutet worden, es könnte sich um Zierstriche handeln die in hebräischen Schriftrollen zum Teil bei bestimmten Buchstaben angebracht worden sind. Aber da diese für die Lektüre und Bedeutung ohne Funktion waren, scheint mir diese Deutung weniger logisch. Mit dem Hinweis auf die einzelnen Buchstaben und Zeichen wird nochmals verdeutlicht, dass die Weisungen Gottes durch Jesus nicht aufgehoben werden, dass sie im Gegenteil bis ins Detail bestehen bleiben “bis Himmel und Erde vergehen”. Das könnte eine bildliche Umschreibung sein für “niemals”, oder es könnte bedeuten, dass das Gesetz bis zum Ende der Welt gültig bleibt. Zusammen mit der nachdoppelnden abschliessenden Wendung “bis alles geschieht”, scheint mir die Erklärung der Wuppertaler Studienbibel am besten zu passen: “Das Gesetz Gottes bleibt bestehen, solange bis der Heilsplan Gottes zu seinem Ziel gekommen ist und bis ein neuer Himmel und eine neue Erde sein werden.”1) Allerdings gilt es zu bedenken, dass in Kapitel 24, 35 Jesus ausdrücklich sagt, dass zwar Himmel und Erde vergehen werden, seine Worte aber nicht. Und diese legen ja u. a. das Gesetz aus. Vielleicht sollte man daher unseren Vers nicht überinterpretieren und ihn im Sinne von Calvin verstehen: „…eher  muß der Himmel einstürzen und das ganze Weltgefüge durcheinandergeworfen werden, bevor die Festigkeit des Gesetzes ins Wanken gerät“2)

  1. Wuppertaler Studienbibel, Fritz Rienecker, Das Evangelium des Matthäus, Wuppertal, 1983, S. 54, Anm. 3
  2.  Zitiert bei Wengst, a.a.O., S. 72

Salz der Erde und Licht der Welt III

Matthäus 5, 15

Auch zündet niemand eine Lampe an und stellt sie dann unter ein Gefäß. Im Gegenteil: Man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt.

Wieder sehr bildhaft und einprägsam verdeutlicht Jesus noch einmal die Lichtfunktion derer, die ihm zuhören und vertrauen. Die Stadt auf dem Berg von Vers 14 leuchtet primär für ihre Einwohner, dass ihre Lampen auch denen, die nachts ausserhalb unterwegs sind, leuchten, ist ein damals vermutlich angenehmer Nebeneffekt. Heute spricht man dagegen eher von Lichtverschmutzung. Jedoch der Vergleich mit der Lampe in unserem Vers zielt auf die Absicht. Man zündet abends Lichter an, damit alle im Haus “etwas sehen”. Eine Licht anzünden, damit es Helligkeit verbreitet, ist eine Selbstverständlichkeit, und es würde niemandem einfallen, eine brennende Lampe unter einen Kübel zu stellen. Kerzenlicht oder damals gebräuchliche Öllampen würde man so nicht nur nicht sehen, sie würden auch bald verlöschen. Das in den traditionellen Bibelübersetzungen (Luther, Zürcher) verwendete Wort “Scheffel” bezeichnet ein Massgefäss. Es soll einen Inhalt von ungefähr 8, 75 Liter gehabt haben. Das Licht aber gehört auf einen passenden Ständer, soll damit gut sichtbar sein und so seinen Zweck erfüllen. Es soll allen (!) im Haus leuchten. Es ist demnach nicht nur Leselampe für die eigenen Bedürfnisse.

‘Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen’ ist eine noch heute gelegentlich gebrauchte Redewendung für falsche Bescheidenheit. Ist denn gemeint, dass die christliche Gemeinde sich zur Schau stellen solle, nach dem Motto: ‘Tue Gutes und rede darüber?’ – Dass es hier nicht um Selbstdarstellung, nicht um Wichtigtuerei oder sonst eine Form von frommem Narzissmus geht, zeigt der nächste Vers.

Matthäus 5, 16

So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Dieser Vers ist von Bedeutung, weil er hilft, die voranstehenden einzuordnen. Kurz und bündig: Die Christen sind Salz der Erde und Licht der Welt, indem sie ihre guten Werke leuchten lassen.1) Der aufmerksame, aber ein wenig misstrauische Reformierte könnte an dieser Stelle natürlich sofort fragen, ob denn Matthäus “Werkgerechtigkeit” lehre und nicht um die Rechtfertigung aus dem Glauben wisse. Aber um diesen Gegensatz geht es hier nicht. So wie das Licht nur Licht ist, wenn es leuchtet, so ist der Christ nur Christ, wenn er in dem lebt, was ihm zugesprochen ist. Oder wie es Wengst in einer unserer Zeit entsprechenden Interpretation des Lichtes anschaulich ausdrückt: “…  Gemeinde [ist] nur Gemeinde im Vollzug, im Ereignis, in ihren Taten. Jesus hat  seine Schüler sozusagen „unter Strom gesetzt“ und so können sie gar nicht  anders als zu „leuchten“.”2)

Inhaltlich kann man die “guten Taten” recht allgemein fassen und darunter all das verstehen, was in den voranstehenden Seligpreisungen genannt ist und ebenso, was in den Antithesen ab Vers 17 behandelt wird (siehe dort).

Mir scheint, mit diesen guten Taten sollen zwei Ziele verfolgt werden:

  1. ein im besten Sinne missionarisches: Das Licht der Jünger und Jüngerinnen von Jesus soll leuchten vor den Menschen. Zwar steht dieser Satz in einer gewissen Spannung zu Kap. 6, 1 u. 5, mit der wir uns dann dort näher befassen wollen. Aber hier ist doch auffällig, dass nicht an die Verkündigung des  Wortes appelliert wird, sondern dass dem Leben und Wirken der Jesusjünger entscheidende Bedeutung zukommt. Man spricht ja nicht nur durch seine Worte, sondern auch durch sein Tun und lassen, manchmal sogar viel lauter… Das heisst aber gleichzeitig, dass es in der christlichen Gemeinde nie nur um die Predigt des Wortes und damit um die damit Beauftragten (Pfarrpersonen…) gehen kann, sondern dass das Leben und Wirken der ganzen Gemeinde im Blick ist, weil allen in ihr Tätigen Lichtfunktion zukommt.
  2. soll alles Tun des Guten letztlich der Ehre und Verherrlichung Gottes dienen (Soli Deo gloria). Also gerade nicht Zurschaustellung der eigenen frommen Leistung und keine narzisstische Profilierung. Und, was bemerkenswert ist, soll durch die guten Taten der Jünger und Jüngerinnen nicht nur quasi das “interne Lob” der Gemeinde beflügelt werden, sondern sollen alle Menschen, die diese Werke sehen oder davon profitieren, zum Lobpreis Gottes animiert werden. Zum ersten Mal im Matthäusevangelium wird Gott hier übrigens  “Vater im Himmel” genannt. Er ist der, welcher in seiner väterlichen Fürsorge die Gemeinde seines Sohnes leitet und unterstützt in ihrer Salz- und Lichtfunktion und damit im Tun der guten Taten.
  1. vgl. Luz, a.a.O. S. 224
  2.  Wengst, a.a.O. S. 62

Salz der Erde und Licht der Welt II

Matthäus 5, 14

Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.

Es ist die dunkelste Zeit des Jahres, in der ich diesen Beitrag verfasse. Die Tage sind kurz, die Sonne steht tief und zeigt sich an manchen Tagen gar nicht. Manchmal ist es nötig, das Licht im Pfarrbüro den ganzen Tag brennen zu lassen, um vernünftig arbeiten zu können.

“Ihr seid das Licht der Welt”, sagt Jesus und setzt damit voraus, dass es – in übertragenem Sinne selbstverständlich – in dieser Welt jahraus, jahrein so finster ist, dass es Licht braucht, um sich orientieren zu können. Da mag, wer fortlaufend liest, an Matthäus 4, 16 zurückdenken: “… das Volk, das in der Finsternis sass, hat ein grosses Licht gesehen…”, was wiederum aus Jesaja 9 zitiert ist, einem Text, der auch in Gottesdiensten und Andachten der Adventszeit häufig vorgelesen wird. Dieses grosse Licht wird, das ist nicht erstaunlich, bei Matthäus auf Jesus gedeutet. Dementsprechend bezeichnet Jesus sich selbst in einem der bekannten so genannten “Ich-bin-Worte” als Licht der Welt: “Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.” (Johannes 8, 12)

In der Tradition des Judentums wurde die Metapher vom Licht in unterschiedlicher Hinsicht verwendet, bezogen auf Israel, auf die Mosebücher (Torah), auf die Stadt Jerusalem, auf einzelne vorbildliche Lehrer oder Gerechte (vgl. Römer 1, 19), auf den Gottesknecht (Jesaja 42, 6 und 49,6). Da kann man nachvollziehen, dass Jesus sich selber quasi in diese Reihe stellt. Umso erstaunlicher nun aber die Deutung auf die in der Bergpredigt angsprochenen Zuhörer und Zuhörerinnen. Genau wie im voranstehenden Vers 13 ist auch hier das “Ihr” betont, und wieder ist die ganze christliche Gemeinde angesprochen, nicht nur einzelne besondere “Leuchten” oder “Heilige”.

Wieder fragen wir: Wie kann es sein, dass damals völlig unbedeutende Menschen, wie kann es sein, dass wir als heutige Christen Licht der Welt sein sollen?

Wie erwähnt, setzt Jesus voraus, dass die Welt sich in einem Zustand der Finstenis befindet. Aber muss man einer solchen Prämisse heutzutage nicht widersprechen? Immerhin haben wir doch das Zeitalter der Aufklärung erklebt, und es ist doch nicht zu bestreiten, dass mit ihr eine ganze Menge Licht in diese Welt gekommen ist. Lloyd-Jones bemerkt dazu Mitte des letzten Jahrhunderts aber einschränkend: “Unsere Erkenntnis ist eine dingliche Erkenntnis, … eine Erkenntnis des Lebens auf einer rein biologischen und mechanischen Ebene. Aber unsere Erkenntnis über die eigentlichen Faktoren, die erst das Leben zum Leben machen, hat sich überhaupt nicht erhöht.” 1)  – “Was die grossen monumentalen Fragen betrifft – wie wir leben sollen, wie wir das Böse und die Sünde vermeiden können … befinden wir uns immer noch in tiefster Finsternis.”2)

Hat sich daran etwas geändert in den Jahrzehnten seither? – Ich denke, eher nicht. Die Finsternis ist geblieben. Wer aufmerksam duchs Leben geht, empfindet sie manchmal geradezu greifbar. Was aber ebenfalls geblieben ist, ist der Anspruch bzw. die Zusage von Jesus, dass Christen das Licht der Welt sind, Experten des Lebens sozusagen. Dies nicht aufgrund ihrer Schlauheit oder anderer besonderer Fähigkeiten, sondern allein durch Jesus selber. Seine Zusage an uns: “Ihr seid das Licht der Welt” muss zusammen mit seinem Selbstzeugnis: “Ich bin das Licht der Welt” gehört werden. Nur sofern und inwieweit Jesus uns das Licht des Lebens gibt, können wir selbst es sein (vgl. dazu Epheser 5, 8: “Auch ihr gehörtet einst zur Finsternis, ja, ihr wart selbst Finsternis, aber jetzt seid ihr Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid. Lebt nun auch als Menschen des Lichts!”).

Ohne Bild gesprochen, geht es darum, dass durch die enge Verbindung des Glaubens mit Jesus er uns verändern kann, und wir etwas von seinem Wesen verinnerlichen. Nochmals Lloyd-Jones: “Als solche, die dem Evangelium glauben, haben wir Licht, Erkenntnis und Unterweisung empfangen. Aber zusätzlich ist das alles auch Teil unserer selbst geworden. Es ist unser Leben geworden, so dass wir es reflektieren.”3) Nochmals von einem anderen Erklärungsansatz ausgehend, kann man darauf hinweisen, dass hier das Wirken des Heiligen Geistes zum Tragen kommt, der in den Gläubigen wohnt, sie prägt und durch sie hindurch wirkt.

Was für eine grosse Aufgabe, die Jesus Christus seiner Gemeinde zugedacht hat. Es ist eine Ehre, Licht sein zu dürfen, aber manchmal auch eine schmerzliche. Denn da, wo das Licht scheint, wird auch die Finsternis erst recht gewissermassen sichtbar. Und nicht immer ist sie gewillt, zurückzuweichen. Manchmal ist es doch so, dass man zwar weiss, was richtig und gut wäre, und dann trotzdem bei dem verharrt, was falsch und verkehrt ist. So hält kurz und prägnant schon Johannes 3, 19 fest:  ”Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.”

Es bleibt die Hoffnung, dass das Licht trotzdem sich durchsetzen wird, oder wie der zweite Versteil mit einem neuen Bild veranschaulicht: Eine Stadt, die auf einem Hügel erbaut ist, ist weitherum sichtbar, man könnte ergänzen: durch ihre Lichter sogar in der Nacht. Sie kann dem, der im Finstern wandert, Orientierung geben und ihn in sich aufnehmen. – Ein schönes Bild für die christliche Kirche, finde ich.

1) Lloys-Jones, a.a.O. S. 191

2) a.a.O. S. 192

3) a.a.O. S. 195

Salz der Erde und Licht der Welt I

Matthäus 5, 13

Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz fade geworden ist, womit soll es gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.

Ihr seid das Salz der Erde – das “Ihr” ist im griechischen Grundtext durch die Wortwahl und die Voranstellung besonders betont. Ihr – damit ist der gleiche Kreis angesprochen wie in den Versen vorher. Ihr – das sind nicht nur die damals anwesenden Apostel und Schüler von Jesus, sondern mit ihnen die ganze christliche Gemeinde. Ihr – das heisst in diesem Zusammenhang auch: “Ausgerechnet ihr, die ihr verfolgt und geschmäht werdet, seid das Salz der Erde.”1) Offenbar eine besondere Würde, die Jesus den von Menschen Verachteten zumisst! 

Wie aber ist diese Metapher “Salz der Erde” zu verstehen? – Recht schnell klar ist, dass mit der Erde nicht der Erdboden gemeint sein kann, sondern die Welt (vgl. V. 14). So ist denn hier schon die missionarische Funktion der christlichen Gemeinde angesprochen, die dann am Ende des Evangeliums, 28, 18-20 nochmals explizit als Auftrag formuliert wird. Von den Verwendungszwecken des Salzes her kann man versuchen, dem Aussagegehalt des Bildes näher auf die Spur zu kommen. Salz hatte und hat bis heute in der alltäglichen Verwendung hauptsächlich die Aufgaben zu würzen, zu konservieren, damals wohl auch noch zu reinigen. Es versteht sich von selbst, dass das Auftauen gefrorener Strassen noch nicht im Blick war…

Auf welche Funktion aber hat Jesus wohl angespielt? – Dies abschliessend zu entscheiden fällt nicht leicht. Während Lloyd-Jones in seiner Predigt zu diesem Vers die christliche Gemeinde in erster Linie als “Konservierungsmittel” versteht, das die Welt vor dem Zerfall bewahrt, legt sich aus der Sicht anderer Ausleger und auch von der Parallelstelle Markus 9, 49-50 her eher die Funktion des Würzens nahe, nach welcher die christliche Gemeinde die Welt schmackhaft bzw. das Leben in ihr lebbar machen würde. Beides sind grosse Aufgaben, wobei für die damalige, noch sehr kleine und unbedeutende christliche Gemeinde die erste im Blick auf die ganze Welt vermutlich noch unerfüllbarer erscheinen musste als die zweite. Immerhin kann eine Prise Salz schon den Geschmack eines ganzen Topfes Suppe verändern.  Aber es ist m. E. auch nicht auszuschliessen, dass Jesus mit seinem Bild beide Funktionen im Blick hat.

Wie Christen konkret diese Salzfunktion für die Welt wahrnehmen können, zeigt summarisch Vers 16 (siehe dort) und ausführlicher die ganze Bergpredigt. Deutlich wird auf jeden Fall mit beiden Bildern, jenem vom Salz und dem anschliessenden vom Licht, dass die christliche Gemeinde nicht zum Selbstzweck und nicht nur zur eigenen Erbauung existiert, sondern für die Welt da ist und in sie hinein wirken soll.2)

Susanne Schmid weist in ihrer Auslegung darauf hin, dass im Judentum die Torah und dann auch scharfsinnige Torahlehrer als Salz der Erde bezeichnet wurden.3) Dementsprechend könnte sich auch das Salz, als das die Jünger und Jüngerinnen von Jesus bezeichnet werden, der Sache nach auf ihre Verkündigung beziehen. Andere beziehen es auf ihre Weisheit, Opferbereitschaft (das Salz löst sich bei seiner Anwendung auf) oder den Lebenswandel.

Seltsam tönt für unsere Ohren die Fortsetzung des Verses. Je nach Übersetzung ist von Salz, das “fade” (wörtlich sogar: “dumm”), geworden ist, bzw. erklärend, das seine Kraft oder Wirkung oder seinen Geschmack verloren hat und nicht mehr salzt, die Rede. Die anschliessende Frage kann aus dem Griechischen verschieden übersetzt werden, entweder bezogen auf das Salz selber: Wenn das Salz fade geworden ist, “womit soll es, [das Salz] gesalzen werden”, d.h. wieder salzkräftig gemacht werden? Oder wie die Zürcher Bibel: “Wenn aber das Salz fade wird, womit soll man dann salzen”, d.h. womit soll man das Salz dann ersetzen?

Die erste Variante deutet den Vergleich im Sinne einer “unmöglichen Möglichkeit”4). Reines Salz kann seine Qualität gar nicht verlieren und fade werden. Die christliche Gemeinde kann es eigentlich von ihrer Anlage her auch nicht. “Aber es ist eben doch eine Möglichkeit: Sie [d.h. seine Schüler, CF] können die Lehre Jesu vergessen, sie können vergessen, dass ihnen das Himmelreich verheißen ist. Sie können sich dumm stellen und sie können sich dumm anstellen.”5)

Die zweite Variante rechnet damit, dass Salz in der damals in der Antike vorliegenden unreinen Form (vermutlich in der Regel aus dem Toten Meer gewonnen) tatsächlich mit der Zeit durch die Lagerung in seinem Geschmack beeinträchtigt werden kann. Für diese Annahme spricht die Fortsetzung des Verses: Wenn es nicht vorgekommen wäre, dass man Salz tatsächlich wegwerfen musste, hätte Jesus wohl kaum davon gesprochen.

Wie auch immer: Deutlich ist die nachfolgende indirekte Drohung. Ausdrücke wie “hinausgeworfen werden” (vgl. z.B. Matthäus 5, 29; 3, 10)  und “zertreten werden” (vgl. z.B. Jesaja 36, 3.6) spielen auf Gerichtszusammenhänge an. Die hohe Ehre, Salz der Erde zu sein, bringt demnach eine ebenso grosse Verantwortung mit sich, sich ihrer im praktischen Lebensvollzug auch würdig zu erweisen.

  1. Luz, a.a.O. S. 221
  2. Viele christliche Gemeinden und Kirchen halten auch heute diesen Auftrag in ihren Leitbildern oder Zielformulierungen fest, u.a. auch die Kirchgemeinde Weiningen, in der ich tätig bin.
  3. Schmid, a.a.O. Kapitel 3
  4. So z.B. Luz, a.a.O., S. 222
  5. Wengst, a.a.O. S. 61

Die Seligpreisungen IX

Matthäus 5, 11-12

Glücklich zu preisen seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und euch das Ärgste nachsagen um meinetwillen und dabei lügen. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn im Himmel ist gross. Genauso haben sie auch die Propheten vor euch verfolgt.

Wie unter Vers 10 schon erwähnt, werden in den Versen 11-12 die Zuhörenden in der zweiten Person Plural direkt angesprochen: “Glücklich zu preisen seid ihr…” Im Blick steht, wie ebenfalls bei Vers 10 angetönt, jetzt nicht mehr ein Verhalten, sondern ein Erleiden. In Leidenssituationen ist so ein direkter Zuspruch sicher besonders willkommen und auch nötig.

“Mit Schmähung und Verfolgung muss die Gemeinde grundsätzlich rechnen”1) Was sich so nüchtern und lapidar festhalten lässt, unterstreichen zahlreiche Stellen im Neuen Testament (z.B. Hebräer 10, 32-34 und besonders nahe an unserem Text: 1. Petrus 3, 14, vgl. auch die folgenden Verse), unterstreichen ebenso unzählige Vorfälle im Laufe der Kirchengeschichte bis in die Gegenwart.

Wie sich dieses schon in Vers 10 thematisierte Verfolgen zeigt, erläutert unsere Stelle genauer: Schmähen, beschimpfen, Böses nachreden, also “verbale Attacken”, aber nicht einfach harmlose Sprüche, sondern “mit sozialer Ausgrenzung verbundene Diffamierungen”2),  verbunden mit “wirtschaftlicher Boykottierung”3). Dass Verfolgung in dieser Weise anfängt, lässt sich auch heute beobachten. Oft lassen es die Urheber und Antreiber aber nicht dabei bewenden, und es kommt zur Eskalation, zu Gefangennahme, Vertreibung, Gefährdung und Auslöschung von Leib und Leben.

Wenn Jesus nun diese düstere Prognose mit einer Seligpreisung verbindet, handelt er da nicht herz- und teilnahmslos? – Zuerst gilt wieder einmal festzuhalten, dass er nicht sozusagen im luftleeren Raum oder in Eigenregie eine weltfremde Theorie entwickelt, sondern einen Text aus dem Alten Testament aufgreift, wo Gott sagt: “Hört auf mich, die ihr die Gerechtigkeit kennt! Volk, das meine Weisung im Herzen trägt! Fürchtet euch nicht vor dem Schmähen der Menschen, und erschreckt nicht vor ihrem Lästern.” Jesaja 51, 7. Diesen Zuspruch greift Jesus auf, führt ihn weiter und kehrt ihn ins Positive: Nicht nur nicht fürchten, sondern sogar freuen sollen sich diejenigen, die verfolgt werden. Das tönt erst recht abwegig. Natürlich kann man nun berechtigterweise dagegen halten, es gehe bestimmt nicht darum, sich in einer Art masochistischen (und wenn man nicht direkt betroffen ist gar bald sadistischen) Weise über erlittenes Leid an sich zu freuen, sondern im Fokus stehe die Freude über den verheissenen Lohn im Himmel. Aber ist das in unseren heutigen Ohren nicht noch einmal abwegig, eine billige Jenseitsvertröstung? – Das wäre allerdings zu kurz geschlossen, denn die hier Angesprochenen sind ja nicht Menschen, die mit dem Leben auf dieser Erde abgeschlossen haben und einfach noch passiv erdulden, was auf sie zukommt. Es sind ja gerade diejenigen, die gemäss den voranstehenden Seligpreisungen leben und sich damit aktiv und überaus engagiert zeigen. Zwar ändert ihre Lebensweise nicht von heute auf morgen die Welt, aber Gott achtet auf ihr Tun und wird es belohnen.

Wenn es um Lohn für geleistete Arbeit geht, sind wir in der Regel schnell dabei, können einschätzen, was wir zugute haben und es auch einfordern. Wenn es um das “geistliche Leben” geht, sind wir im allgemeinen zurückhaltender. Haben wir nicht besonders als Reformierte gelernt, dass “alles Gnade” ist, dass man Gott nicht um Verdienste dienen soll noch kann, geschweige denn, Lohnvorstellungen vorbringen könnte. Trefflich dazu der Kommentar von Lloyd-Jones in seiner Predigt zu diesen Versen: “Die Antwort der Schrift ist, dass eben auch die Belohnung allein aus Gnaden geschieht.”4) Man könnte, im Blick auf den, der den Lohn austeilt, auch sagen: Wir haben einen grosszügigen Gott, der sich freut an Menschen, die seinen Willen tun. Er ist es, der zu allem, was geschieht, das letzte Wort behält, es beurteilt, bewertet und auch reichlich belohnt.

Woraus besteht denn aber dieser Lohn? – Die Frage ist berechtigt, erfahren wir doch an unserer Stelle nichts weiter dazu. Wird er vielleicht hier und anderswo in der Bibel nicht genauer bestimmt, weil er so sehr mit der himmlischen Welt verbunden ist, dass er in menschlichen Worten gar nicht adäquat beschrieben werden kann? – Eine aus meiner Sicht durchaus sinnvolle Vermutung.

Übersehen sollte man überdies nicht, dass diese Seligpreisung sich nicht auf Verfolgung irgendwelcher Art erstreckt, sondern sich explizit auf jene Verfolgung bezieht, die um Jesu willen erlitten wird, weil Menschen ihm nachfolgen und sich in seinem Sinne für Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden einsetzen.

Trost vermitteln, ja zur Freude motivieren, soll auch der letzte Hinweis in Vers 12, dass es nämlich “schon immer” so gelaufen ist, dass auch die Propheten früherer Zeit verfolgt worden sind (vgl. 2. Chronik 36,15–16)  und Christen, denen es gleich ergeht, sich quasi in ihre illustre Reihe einordnen dürfen. Sie sind nicht allein, sondern begleitet und getragen von denen, die Vergleichbares erlitten, standgehalten und überwunden haben. In diesem Bewusstsein kann auch aktuelles Leiden eingeordnet und leichter, ja mutmasslich eben sogar mit einer Freude, welche die irdischen Dimensionen übersteigt, getragen werden.

1)Luz, a.a.O., S. 214

2)Wengst, a.a.O. S. 52

3)Wengst, a.a.O. S. 53

4)Lloyd-Jones, a.a.O. S. 174

Die Seligpreisungen VIII

Matthäus 5, 10

Glücklich zu preisen sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Die Seligpreisung in Vers 10 markiert einen Übergang. Sie ist noch in der dritten Person formuliert, während Verse 11 und 12 in die zweite wechseln. Jedoch gehört sie, was den Inhalt betrifft, zu eben diesen folgenden Versen. Während die Seligpreisungen in den Versen 3-9 ein Verhalten beschreiben, so diese nun ein Erleiden. Präziser: Ein Erleiden, das resultiert aus dem vorher beschriebenen Verhalten. Auffällig ist zudem, dass der Nachsatz: “…denn ihnen gehört das Himmelreich” eine wörtliche Wiederholung aus Vers 3, der ersten Seligpreisung, ist.

Wengst zieht daraus folgende Schlüsse1):

  • Die beiden Nachsätze “…denn ihnen gehört das Himmelreich” bilden einen Rahmen, innerhalb dessen die Nachsätze der übrigen Seligpreisungen veranschaulichen, was unter dem Himmelreich zu verstehen ist:
  • Zu diesem Reich gehören bzw. Bürger darin sind jene, die das in den Vordersätzen beschriebene Verhalten praktizieren, d.h. demütig sind, sich nicht gleichgültig mit dem Unrecht in der Welt abfinden, Barmherzigkeit üben, aufrichtig sind, Frieden stiften, etc. .
  • Dieses Verhalten kann man unter dem Begriff “Gerechtigkeit”, der schon in Vers 6 aufgetaucht ist, zusammenfassen. Das Himmelreich ist demnach durch diese Gerechtigkeit charakterisiert.
  • Aufgeschlüsselt nach den Seligpreisungen bedeutet dies für jene, denen es zugesprochen wird: Getröstet und gesättigt werden, Erbarmen finden, das Land erben, mit Gott in einer ungetrübten Beziehung stehen.
  • Wer sich so verhält, wie in diesen Seligpreisungen beschrieben, kann (oder wird) Verfolgung von Menschen erfahren.

In seiner Predigt zu dieser Seligpreisung2) legt Lloyd-Jones Wert darauf, zu unterscheiden zwischen Verfolgung der Christen aus eigener Torheit, Ungeschicktheit, Fanatismus, etc. (das gibt es auch…) und der hier angesprochenen Verfolgung der Gerechtigkeit wegen. Was Gerechtigkeit und gerecht sein bedeuten, charakterisiert er nochmals anschaulich, kurz und bündig: Es bedeutet, so sein wie Jesus. Das wiederum zieht auch nach sich, was Jesus neben unserer Selipgreisung z.B. in Lukas 6, 26 seinen Nachfolgern in Aussicht gestellt hat: “Wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden, denn so haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.”

Das stimmt schon nachdenklich, nicht wahr? – Wir möchten im allgemeinen gern, dass man gut über uns als Christen redet, dass wir gesellschaftlich anerkannt sind. Aber Jesus bewertet das anders. Er sagt seinen Nachfolgern, sie sollen sich freuen, wenn sie seinetwegen nicht nur nicht hochgeachtet, sondern sogar verfolgt werden.

1)Wengst, vgl. a.a.O., S.36; vgl. S. 52

2) Lloyd-Jones, a.a.O., S. 153ff

Die Seligpreisungen VII

Matthäus 5, 9

Glücklich zu preisen sind die, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

Bei dieser Seligpreisung ist der direkte Bezug zum Altent Testament etwas weniger deutlich als bei der voranstehenden. Immerhin findet sich in Psalm 34, 15 die Aufforderung: “Meide das Böse und tue das Gute, suche Frieden und jage ihm nach.” Auch in der rabbinischen Literatur hatte der Auftrag, Frieden zu stiften, einen prominenten Platz, so dass die Thematik für diejenigen, die Jesus damals zuhörten, vermutlich nicht fremd war.

Angesprochen sind die “Friedensstifter”, noch wörtlicher übersetzt die “Frieden Machenden”. Das in den älteren Lutherbibeln stehende “die Friedfertigen” ist missverständlich, weil es leicht mit einer passiven Haltung bzw. friedlichen Gesinnung (ein Hund, der nicht bellt und beisst) verbunden werden kann. Gemeint ist aber ein aktives Bemühen, es geht um Leute, “die zwischen verfeindeten und streitenden Menschen schlichten, sie miteinander versöhnen und so ein Zusammenleben im friedlichen Miteinander gestalten helfen.”1)  Luther selber hat die Stelle so verstanden: „Hier preist der Herr […] diejenigen, die sich darum  bemühen, dass sie gerne Frieden schaffen, nicht allein für sich, sondern auch unter anderen Leuten, dass sie helfen, böse und verworrene Angelegenheiten  zurechtzubringen, Hader zu beenden, Krieg und Blutvergießen zu wehren.“  Und er schliesst daraus „dass, wer ein Christ und Gottes Kind sein will, nicht allein keinen Krieg und Unfrieden anfange, sondern zum Frieden helfe und  rate, wo immer er kann, auch wenn genug Recht und Ursachen zum Krieg  gegeben wären“.2) 

Man könnte auch schon mal vorausweisen auf die Verse 44-48 in diesem Kapitel, wo mit dem Gebot der Feindesliebe so etwas wie eine nächste Stufe in dieser Verhaltenslogik gezündet wird.

Fragt sich noch, ob hier beim Friedensstiften in erster Linie daran gedacht ist, vermittelnd und versöhnend zwischen zerstrittenen Parteien tätig zu sein, oder ob es eher darum geht, selber mit anderen in Frieden zu leben bzw. sich (wieder) zu versöhnen. Möglicherweise liegt der Akzent hier auf dem Vermitteln, aber das andere ist sicher nicht ausgeschlossen, vgl. Römer 12, 18: “Wenn möglich, soweit es in eurer Macht steht: Haltet Frieden mit allen Menschen!” Und wer in seinem eigenen Umfeld nicht Frieden sucht, wirkt auch als Friedensstifter zwischen anderen Parteien nicht glaubwürdig.

Die Friedensstifter werden Kinder (wörtlich: Söhne) Gottes heissen bzw. genannt werden. Von wem? – Sicher von Gott selber, der ja seinerseits der Gott des Friedens ist, vgl. z.B. Richter 6, 24; Hebräer 13, 20. Auch der angekündigte Messias wird im Alten Testament an einer bekannten Stelle als “Friedefürst” bezeichnet (Jesaja 9, 5), und bei seinem Kommen stand der Friede wiederum im Zentrum als die himmlischen Heerscharen ihren Jubel erschallen liessen: “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen seines Wohlgefallens.” (Lukas 2, 14)

Wer von höchster Autorität Kind Gottes genannt wird, ist es auch, vgl. 1. Johannes 3, 1: “Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!” Man könnte mit Lloyd-Jones erklären: “…ein Friedensstifter ist ein Kind Gottes, weil er das Wesen seines Vaters widerspiegelt.”3) 

Vielleicht ist es noch hilfreich, darauf hinzuweisen, dass vor dem Hintergrund des Alten Testamentes “Friede” mehr umfasst als nur die Abwesenheit von Krieg oder Streit. Der zugrunde liegende hebräische Begriff “Schalom” umfasst auch Wohlergehen, Glück, ein erfülltes Leben. Friedensstifter haben somit eine schöne, ehrenwerte Aufgabe in dieser Welt.

1) Wengst, a.a.O., S. 49f

2) zitiert bei Wengst, a.a.O., S. 48

3) a.a.O. S. 151

Die Seligpreisungen VI

Matthäus 5, 8

Glücklich zu preisen sind die, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott sehen.

Liest man diese Seligpreisung, bekommt man schnell den Eindruck, dass sie grosse Dimensionen anrührt. Ein reines Herz – das muss doch wohl irgendwie das ganze Leben eines Menschen betreffen. Auch die Verheissung, Gott zu schauen, ist vielleicht Ziel und Wunsch eines gläubigen Menschen,  übersteigt aber auf jeden Fall alles, was wir uns vorstellen können. Lloyd-Jones bezeichnet diesen Vers sogar als einen der grossartigsten, aber auch ernstesten in der ganzen Bibel, als “Herzstück der christlichen Lehre”1) – Warum ist diese Seligpreisung dann nicht stärker herausgehoben bei Matthäus und versteckt sich sozusagen unter all den anderen? – Der Erklärungsversuch von Lloyd-Jones dazu wirkt kompliziert und überzeugt mich nicht wirklich. Eine bessere Antwort habe ich aber auch nicht. Vielleicht findet sich dieser Vers darum eingereiht unter die anderen Seligpreisungen, weil man ihn eben doch nicht zu stark herausheben und ohne die anderen lesen und bedenken sollte. Genauer anschauen wollen wir ihn hier natürlich trotzdem:

Ein reines Herz

In Zeiten, die pandemiebedingt der Reinigung vermehrte Aufmerksamkeit schenken und dafür gleichsam neue Rituale entwickeln, ist es ratsam, auch einmal zu bedenken, was denn ein “reines Herz” bedeuten könnte. Es überrascht vermutlich unterdessen nicht mehr, wenn wir auch hier schnell Bezugspunkte zum Alten Testament, insbesondere den Psalmen, finden. Das Herz bezeichnet nach jüdischem Sprachgebrauch das Zentrum einer Person, den Ort, von dem das Wollen, Denken, Trachten und vielleicht auch Fühlen ausgehen2).

Dieses Zentrum, diese Quelle, aus der unser Leben strömt3), kann nun offensichtlich rein oder eben auch unrein sein. Rein, das heisst: lauter, aufrichtig, geradeaus, zuverlässig, und damit nicht verschlagen, sondern rechtschaffen handelnd4), in ungeteiltem Gehorsam gegenüber Gott ohne Sünde.5) Lloyd-Jones nennt auch noch Stichworte wie: Einfältigkeit (im Sinne einer lauteren, offenen Art), Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit im Denken, eine offenherzige Hingabe. Das reine Herz ist ungeteilt, kennt keine Heuchelei.6) Man könnte, etwas weniger abstrakt, auch kurz und bündig sagen: Reinen Herzens sein würde bedeuten, so zu leben, wie es Jesus selber getan hat.

Zur Illustration weiter ein paar konkrete Stellen aus den Psalmen:

Psalm 24, 3-4: “Wer darf hinaufziehen zum Berg des Herrn, wer an seine heilige Stätte treten? Wer reine Hände hat und ein lauteres Herz, wer nicht auf Nichtiges seinen Sinn richtet und nicht falsch schwört.” Da werden ein reines Herz und reine Hände unmittelbar parallel gesetzt. Es geht somit nicht einfach um eine edle Gesinnung, sondern um das damit verbundene konkrete Tun, das sich an den Weisungen Gottes orientiert. Ganz in diese Sinne bittet der Verfasser von Psalm 86, 11b: “Lass eines in meinem Herzen wichtig sein, dass ich deinem Namen mit Ehrfurcht begegne.” (Basisbibel).

Nun ist es aber bei nüchterner Betrachtung besehen doch so, dass das menschliche Herz eben nicht rein ist. Der Dichter des 51. Psalmes bittet deshalb, dass Gott seine Verfehlungen austilge und ihm das reine Herz schenke (Psalm 51, 11-12): “Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, und tilge alle meine Vergehen. Schaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.”  

Der Weg zu einem reinen Herzen geht demnach über die Bitte um Vergebung, die Bitte, dass Gott selber reinigend eingreife. Lloyd-Jones meint zugespitzt: “Wer sind die reinen Herzens? Im Wesentlichen jene, … die wegen der Unreinheit ihrer Herzen trauern.”7)

Aus biblischer Perspektive wird klar: Aus eigener Bemühung, bei aller frommen “Putzwut”, kriege ich mein Herz selber doch nicht rein. Da muss sozusagen das “himmlische Putzinstitut” in Aktion treten. Gott selber, durch seinen Geist, kann das Werk vollbringen. Dabei ist es aber nicht so, dass ich als Mensch bloss in der Zuschauerrolle bliebe. Es ist ein geheimnisvolles Ineinander, wie es prägnant in Philipper 2, 12-13 formuliert ist: “Wirkt nun weiterhin mit Furcht und Zittern auf eure eigene Rettung hin! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, zu seinem eigenen Wohlgefallen.”

Für den Reformator Martin Luther hiess das zum Beispiel: “Gott in den Elenden, Irrenden und Mühhseligen suchen”; “da schaut man Gott, da wird das Herz rein und aller Hochmut liegt darnieder.”8)

Gott schauen

Was soll man sich darunter vorstellen? War es nicht sogar einem Gott besonders nahestehenden Mann wie Mose verwehrt, ihn zu sehen? Lediglich Gott hinterher schauen wurde ihm gestattet, vgl. 2. Mose 33, 17-23. Auch im Neuen Testament finden sich Stellen, die bestätigen, dass man Gott nicht sehen kann, z.B. Johannes 1, 18; 6, 46; 1. Timotheus 6, 16. Trotzdem gab es im Judentum die Hoffnung, dass wir am Ende der Zeiten einmal Gott werden sehen können. Auch das Neue Testament vermittelt diese Hoffnung und Erwartung:

“Denn jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.” 1. Korinther 13, 12

“Ihr Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht zutage getreten, was wir sein werden. Wir wissen aber, dass wir, wenn es zutage tritt, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.” 1. Johannes 3, 2

“Sie werden sein Angesicht schauen, und auf ihrer Stirn wird sein Name stehen.” Offenbarung 22, 4

Wie man sich das vorzustellen hat, führt die Bibel nicht weiter aus. Wahrscheinlich wären die Mittel unserer Sprache auch zu begrenzt, um diesen Vorgang zu beschreiben. Es lässt sich nur schliessen, dass dieses Schauen mit einer ebenso unbeschreiblichen Freude verbunden sein muss. Alle Entfremdung von Gott muss dann überwunden sein, und die Rätsel unseres Lebens, die uns hier umtreiben, werden gelöst oder nicht mehr relevant sein.

  1. a.a.O., S.127 und S. 130 – Die ganze Auslegung zu diesem Vers ist übrigens sehr lesenswert.
  2. Vgl. Luz, a.a.O., S. 211; Wengst, a.a.O. S. 46
  3. Vgl. Lloyd-Jones, S. 131
  4. Wengst, a.a.O., S. 46f
  5. Luz, a.a.O., S. 211
  6. Lloyd-Jones, a.a.O., S. 133
  7. a.a.O., S. 129
  8. zitiert bei Luz, a.a.O. S. 212