Die Seligpreisungen

Matthäus 5, 3-12

Was meint “selig”?

Obwohl der Ausdruck “selig” heute recht selten gebraucht wird und wenn, dann vorwiegend in religiösem Zusammenhang (der Papst nimmt eine Seligsprechung vor, jemand ist gestorben und wird dann als “selig” bezeichnet, jemand hat ein seliges, verklärtes Lächeln aufgesetzt, etc.), verwende ich die Bezeichnung Seligpreisungen für diesen Abschnitt in der Bergpredigt weiterhin, weil sie so bekannt ist. Das in der Luther- und Zürcherbibel mit “selig” übersetzte griechische Wort kann aber ohne religiöse Färbung auch einfach “glücklich” bedeuten. Dementsprechend findet sich in neueren Bibelübersetzungen die Formulierung: “Glücklich sind, die…” (zum Beispiel die “Hoffnung für alle”-Bibel). Noch passender und im Zusammenhang verständlicher finde ich die Übersetzung der Neuen Genfer Bibel (NGÜ): “Glücklich zu preisen sind die, die…”. Das bedeutet, noch näher an unserem Sprachgebrauch formuliert: “Man kann denen gratulieren, die…”

Die Intention der Seligpreisungen

Worauf liegt der Akzent bei den Seligpreisungen?  

  1. Geht es in erster Linie darum, dass Jesus Menschen in einer bestimmten unvorteilhaften, benachteiligten und bedürftigen Situation (Armen, Traurigen, Erniedrigten…) Gottes Gnade zuspricht?
  2. Oder liegt der Schwerpunkt auf der ethischen Ermahnung? Die Seligpreisungen wären dann so etwas wie ein Tugendkatalog, sogar “Einlassbedingungen ins Reich Gottes”, wie schon postuliert worden ist, vielleicht auch eine vorweggenommene Ausführung der Forderung nach Vollkommenheit, die in 5, 48 zur Sprache kommt?
  3. Oder spiegelt sich in den Seligpreisungen quasi die christliche “Gemeindeordnung” wider? In den ersten vier Seligpreisungen wäre dann die Grundhaltung eines Christenmenschen angesprochen (Demut), in den zweiten vier die Art und Weise, wie man als Christ handeln und andere behandeln soll (barmherzig sein, Frieden stiften…).

Bei der Entscheidung für die eine oder andere Deutung spielt noch eine weitere Fragestellung mit, was die Sache etwas verkompliziert:

Das Verhältnis der Seligpreisungen bei Matthäus zu denen bei Lukas

Im Lukasevangelium, 6, 20-23 finden sich ebenfalls Seligpreisungen ähnlichen Inhaltes wie bei Matthäus. Es sind zahlenmässig weniger (4), und sie sind als direkte Anrede (2. Person Plural) formuliert, wogegen diejenigen bei Matthäus – mit einer Ausnahme – in der 3. Person Plural. Die Frage, in welchem Verhältnis die beiden Fassungen zu einander stehen, wird natürlich unter Fachleuten intensiv diskutiert. Dabei spielt nicht nur die Frage, ob direkte Anrede oder 3. Person eine Rolle, sondern es sind auch kleine, aber bedeutsame inhaltliche Unterschiede zu beachten. Einer begegnet gleich in der ersten Seligpreisung. Bei Lukas lautet sie: “Selig ihr Armen – euch gehört das Reich Gottes.” (Luk. 6, 20). Bei Matthäus: “Selig die Armen im Geist – ihnen gehört das Himmelreich.”

Eine gängige Theorie besagt nun vereinfacht, dass Jesus die Seligpreisung in der Fassung des Lukas ausgesprochen haben dürfte, während Matthäus dann eine für seine Situation passende Erweiterung des Textes angefügt habe.

Ein Grundproblem dieser und anderer Theorien zur Textüberlieferung liegt darin, dass wir keine Vorformen (Quellen) vorliegen haben, welche solche angeblichen Entwicklungen und redaktionelle Textbearbeitungen belegen, dass wir auch keine allfälligen diesbezüglichen Überlegungen der Evangelisten selber kennen, es sich also letztlich um mehr oder weniger plausible Hypothesen handelt. Man könnte sich ja auch andere Erklärungen vorstellen, etwa, dass Jesus die Seligpreisungen in unterschiedlichen Kontexten verwendet und dabei auch unterschiedlich formuliert hat.

Zu lange möchte ich mich deshalb hier nicht auf diesem Tummelfeld für Spezialisten aufhalten. Trotzdem wird sich der geneigte Bibelleser und die aufmerksame Bibelleserin natürlich die Frage stellen, ob mit den “Armen” bei Lukas und den “Armen im Geist” bei Matthäus die gleiche Personengruppe angesprochen ist und ob damit auch verschiedene Akzente im Sinne der im vorherigen Abschnitt genannten Möglichkeiten angesprochen sind.

Konzentrieren wir uns aber vorerst auf den vorliegenden Text bei Matthäus.

Matthäus 5, 3

Glücklich zu preisen sind die Armen im Geist – ihnen gehört das Himmelreich.

Wer sind denn nun diese “Armen im Geist”, denen man gratulieren kann? – Die Präzisierung “im Geist” deutet an, dass nicht oder nicht nur eine wirtschaftliche Armut gemeint sein kann. Theoretisch könnte mit dem Geist der Geist Gottes gemeint sein, aber das passt nicht gut in den Zusammenhang. Wenn somit der menschliche Geist im Blick ist, könnte man “arm im Geist” deuten als “mutlos” oder “verzweifelt”. Weil das hier verwendete griechische Wort für “arm” Menschen bezeichnet, die so bedürftig sind, dass sie betteln müssen, könnte man auch umfassender unter den “Armen im Geist” diejenigen verstehen, die sich bewusst sind, dass sie als Bettler vor Gott stehen. Viele Ausleger deuten  diese Armut im Geist auch im Sinne einer Geistes-Haltung, d.h. beglückwünscht werden die, welche sich “niedrig im Gemüt” zeigen, sich also demütig verhalten. Vielleicht spielt auch noch ein Aspekt eine Rolle, den Susanne Schmid in ihrer Auslegung betont: Geistlich arm sind die, welche nicht wie gewisse Schriftgelehrte damals (und heute…) bei Gott mit ihrem frommen Lebenswandel punkten wollen.

“…ihnen gehört das Himmelreich.” Himmel ist entsprechend der jüdischen Tradition eine Umschreibung für Gott: Ihnen gehört das Reich Gottes. Formuliert ist das hier im Präsens, während in den nächsten Seligpreisungen der Nachsatz im Futur steht. So wirkt diese erste Seligpreisung fast wie eine Überschrift über die nachfolgenden. Mit dem Kommen von Jesus und mit den Menschen, die sich von ihm berufen lassen, bricht ein Stück des Reiches Gottes schon jetzt an. Noch nicht in Vollendung, aber ansatzweise kann schon ein wenig Himmel auf Erden erlebt werden.

Ist nun dafür das in den Seligpreisungen beschriebene Verhalten eine von uns zu leistende Bedingung? – So direkt kann man das wohl nicht formulieren. In allen Seligpreisungen steht der Glückwunsch und damit die Verheissung voran. Aber sicher ist Wengst recht zu geben, wenn er schreibt: “Indem Matthäus die Beglückwünschten als  solche beschreibt, die jeweils durch eine bestimmte Verhaltensweise, durch  ein bestimmtes Tun gekennzeichnet sind, macht er den in diesem Zuspruch  enthaltenen Anspruch vernehmbar. Ihm gilt es zu entsprechen, damit es zu  konkreten Erfahrungen der Herrschaft Gottes, zu Erfahrungen des Himmelreiches kommt. So gelesen, sind diese Beglückwünschungen kräftige Einladungen, sie in dem in ihnen genannten Verhalten und Tun der Erprobungspraxis auszusetzen.”

1)Wengst, a.a.O., S. 35

Einleitung – Angabe des Settings

Ohne nähere Angaben werden die Bibelstellen aus der Zürcher Bibel zitiert.

Matthäus 5, 1

Als er nun die vielen Menschen sah, stieg er auf den Berg; und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm. 

Die Einleitung zur Rede von Jesus schliesst an den letzten Abschnitt von Kapitel an (4, 23-24). Dieser bildet mit 9, 35 den Rahmen um die Bergpredigt. In Vers 25 wird erwähnt, dass zahlreiche Menschen aus verschiedenen Gegenden Jesus folgten. Wie viele es genau waren, lässt sich aber heute nicht mehr sagen. Jesus bemerkt diese Menschenmenge – und steigt alsdann auf den Berg. Aus der Formulierung des ersten Versteils wird nicht sofort klar, in welcher Beziehung Jesus zu diesen Leuten steht. Will er sich vor ihnen zurückziehen, um etwas Ruhe zu haben (vgl. 14, 13), oder sucht er einen günstigen Ort, um zu ihnen zu sprechen. Der Abschluss der Bergpredigt (7, 28) zeigt auf jeden Fall, dass Jesus die Menge nicht zurückgelassen hat, sondern dass sie seine Rede hat mitverfolgen können.

Diese Feststellung ist nicht unwichtig, wenn es um die Frage geht, an wen sich die Bergpredigt denn richte. Gilt sie nur den Jüngern, von denen gleich anschliessend berichtet wird, dass sie zu Jesus hinzugetreten seien? Ist die Bergpredigt Jüngerlehre, die in der Folge nur der christlichen Gemeinde gilt und nicht über sie hinaus verallgemeinert werden darf, weil sie alle andern überfordern würde? Ist die Volksmenge nur da, um ein wenig mitzuhören, was Jesus denen zumutet, die ihm nachfolgen wollen?

Oder muss man sich, ausgehend von der geschilderten Anordnung auf jenem Berg, die Zuhörerschaft als “zwei gleichsam konzentrische Hörerkreise” 1) vorstellen: Im inneren, näheren Kreis die Jünger, zuerst angesprochen, aussen das Volk, das aber auch mitgemeint ist, oder wie Klaus Wengst formuliert: “Die  Schüler als die ersten Adressaten, transparent für die Gemeinde, sind diejenigen, die sich der Herrschaft Jesu jetzt schon unterstellen und sich deshalb  an seinem Regierungsprogramm orientieren und es umzusetzen suchen. Aber sie bilden keinen in sich geschlossenen Zirkel. Auch die Volksmengen sind  als Hörende vorgestellt.” 2) Und zu diesen gehört, wenn man gemäss 4, 25 die Herkunft der Menschenmassen analysiert, zumindest andeutungsweise über Israel hinaus die ganze Welt. Mir leuchtet diese zweite Auffassung mehr ein als die erstgenannte. Die Bergpredigt wäre dann so etwas wie ein Fenster, das allen Menschen Einblick gewährt, wie es im Reich Gottes zu und hergeht.

Der Berg, auf dem Jesus seine Rede hielt, wird nicht näher bestimmt. Immerhin heisst es wörtlich im griechischen Text nicht, Jesus sei auf “einen Berg” gestiegen, wie teilweise übersetzt wird [Luther, Gute Nachricht, Neue Genfer Übersetzung (NGÜ)], sondern, auf “den Berg”. Vielleicht wussten die ersten, welche das Matthäusevangelium lasen, noch genau, welcher Berg gemeint war. Heute wird eine Erhebung am Nordende des Sees Genezareth als “Berg der Seligpreisungen” und damit der Bergpredigt angenommen.

Es gibt Ausleger, die mit diesem Berg als Ort der Verkündigung Anspielungen an den Berg Sinai verknüpfen, auf den Mose hinaufgestiegen ist, um von Gott seine Weisungen für das Volk Israel zu empfangen, oder jedenfalls eine Anspielung auf eine enge Verbundenheit des Lehrenden mit Gott. Interessant ist immerhin, dass Matthäus noch eine weitere wichtige Rede von Jesus erwähnt, die dieser auf einem Berg gehalten hat (24, 3), dort ausdrücklich nur für den Jüngerkreis.

An beiden Stellen fällt auf, dass Jesus sich für die Rede setzte und die Jünger zu ihm hintraten und offenbar standen, also gerade umgekehrt zu unseren Gepflogenheiten. Susanne Schmid erklärt mit einem weiteren Verweis (Lukas 4, 20), dass wer damals einen öffentlichen Lehrvortrag hielt, sich dazu immer hingesetzt habe3). Allerdings gibt es durchaus auch Beispiele von Reden, die stehend gehalten wurden (z.B. Apg. 1, 15; 5, 34) Aber mit dem Sitzen an unserer Stelle wird sicher die besondere Würde von Jesus betont. Diese Ehre kam in der Antike Herrschern, Richtern und Lehrern zu – Ämter, die alle auch auf Jesus zutreffen.

Nachdem sich Jesus niedergelassen hat, treten seine Jünger zu ihm. Die Szenerie wirkt auch aus der Ferne noch feierlich, und man ist gespannt, was jetzt wohl geschieht. Doch bevor die Rede beginnt, noch ein paar Gedanken zum Verhältnis von Jesus und diesen ihm nahestehenden, von den meisten Bibelübersetzung als “Jünger” bezeichneten Menschen. Zutreffender wäre wohl der Begriff “Schüler” und entsprechend für Jesus dann “Lehrer”, denn in diesem Verhältnis standen sie zueinander. Diese zwölf von ihm berufenen Männer waren Lernende. Es hat, nebenbei, also durchaus seine Berechtigung, wenn im Chorfenster der Weininger Kirche der lehrende Jesus abgebildet wird. Das Lehren war eine seiner wichtigen Tätigkeiten.

Und nun also fängt er damit an

Matthäus 5, 2

Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie:

Mir scheint es überinterpretiert, wenn man daraus ableiten will, dass Jesus besonders laut und deutlich gesprochen habe, damit alle ihn verstehen konnten. Auch die Interpretation von Susanne Schmid, es sei hier gemeint, dass Jesus seinen Mund aufgetan habe, das heisst, aus eigener Autorität bzw. als Bevollmächtigter von Gott gelehrt habe und nicht wie die Schriftgelehrten nur die Meinung eines ihrer Lehrer wiedergegeben habe, finde ich zu weit hergeholt. Meiner Ansicht nach handelt es sich einfach eine an hebräische Ausdrucksweise angelehnte Wendung für “Er fing an zu reden” (vgl. Hiob 3, 1; Dan. 10, 16)

1)Luz Ulrich, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, 1/1, Das Evangelium nach Matthäus, Zürich/Einsiedeln/Köln, 1985, S. 197
2)Wengst, Klaus. Das Regierungsprogramm des Himmelreichs: Eine Auslegung der Bergpredigt in ihrem jüdischen Kontext, S.31. Stuttgart 20192, Kindle-Version.  
3)Schmid-Grether, Susanne. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Kindle-Version.