Die Seligpreisungen II

Matthäus 5, 4

Glücklich zu preisen sind die, die trauern,  denn sie werden getröstet werden.

Fast schockierend tönt die zweite Seligpreisung, wenn man sie ein erstes Mal hört. Ist es nicht zynisch, wenn Jesus meint, die Trauernden seien zu beglückwünschen.? Das widerspricht doch normalem Empfinden völlig. Wie ist das zu erklären?

Die von mir bisher zitierten Fachleute (Schmid, Wengst, Luz) betonen alle die Anklänge dieser Seligpreisung an Texte aus dem Alten Testament, besonders deutlich an Jesaja 61, 1-3:

“Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir. Denn der HERR hat mich gesalbt, um den Elenden frohe Botschaft zu bringen, er hat mich gesandt, um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um Freilassung auszurufen für die Gefangenen und Befreiung für die Gefesselten, um ein Jahr des Wohlwollens des HERRN auszurufen und einen Tag der Rache unseres Gottes, um alle Trauernden zu trösten, um dies bereitzustellen für die, die um Zion trauern: um ihnen einen Kopfschmuck zu geben statt Asche, Freudenöl statt Trauer, ein Gewand des Ruhms statt trüben Geists. Dann werden sie Terebinthen-der-Gerechtigkeit genannt werden, Pflanzung-des-HERRN, damit er sich selbst verherrlicht.”

Auch ohne auf die Details des Jesaja-Textes einzugehen, zeigt sich, dass Jesus in den Seligpreisungen sogar wiederholt an diesen Text anspielt. Er hat also nicht sozusagen im luftleeren Raum Theologie getrieben, sondern immer wieder angeknüpft an die Schriften der damaligen “Bibel” bzw. des Alten Testamentes, und sie ausgelegt.

Kann der Rückgriff auf Jesaja helfen, die zweite Seligpreisung im Matthäusevangelium besser zu verstehen? – Susanne Schmid bejaht dies und knüpft bei den Gegensatzpaaren “Kopfschmuck – Asche” sowie “Freudenöl – Trauer(kleid)” im letzten Teil des zitierten Abschnittes an. Insbesondere das Stichwort “Asche” lässt an Menschen denken, die ihr Fehlverhalten bereuen (vgl. die bis heute gebräuchliche sprichwörtliche Wendung “Busse tun in Sack und Asche”). Mit dem Trauern bei Jesaja und dementsprechend in der zweiten Seligpreisung wäre dann also nicht ein Trauerfall oder ein anderes Verlusterlebnis im Blick, wie man zuerst denken könnte, sondern die Betrübtheit eines Menschen über die eigene Sünde. Wer diese schmerzliche Trauer zulasse, dem gelte der Zuspruch von Jesus: Der soll getröstet werden, so Schmid.

Einen anderen Schwerpunkt legt Wengst: Er übersetzt die zweite Seligpreisung so: „Glücklich die Klagenden: Sie werden getröstet werden!“ Das griechische Ausgangswort lässt nämlich sowohl die Übersetzung “klagen” wie “trauern” zu. Wengst betont hier wieder, dass Matthäus in den Seligpreisungen “aktiv zu vollziehende Verhaltensweisen” 1) anspreche (anders Lukas 6, 21:  Selig, die ihr jetzt weint – ihr werdet lachen.) Auch er bezieht sich auf Jesaja 61, betont aber, dass es dort grundsätzlich um die Befreiung der deportierten Israeliten gehe und um jene, die um Zion (Jerusalem) klagen, d.h. die sich nicht mit den gegenwärtigen Verhältnissen abfinden. Ihnen wird eine Wendung zum Guten versprochen. Daraus schliesst er: “Von daher dürften „die Klagenden“ bei Matthäus nicht einfach „die  Traurigen“ oder „Trauernden“ sein, die aus irgendeinem Grund Trauer tragen, schon gar nicht die Resignierten, sondern diejenigen, die über das Unrecht trauern und es beklagen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass  Elend und Unrecht nun einmal zum Leben in der Welt dazugehören würden.”2)

Eine umfassendere Position nimmt Luz ein. Er sieht in Jesaja 61 neben der Trauer um Jerusalem die Trauer in dieser Welt ganz allgemein angesprochen und folgert für den Text bei Matthäus: “Mit ‘Trauer’ ist alle Trauer dieses Äons [dieser Weltzeit, CF] umschlossen, die im kommenden Äon durch Trost abgeklöst sein wird.” 3)

Die zweite Seligpreisung zeigt somit beispielhaft, wie man auch auf der Basis seriöser Textauslegung zu unterschiedlichen Akzentsetzungen bei der Interpretation einer Bibelstelle kommen kann. Wer hat nun aber recht? – Geht es in der zweiten Seligpreisung um das Betrauern der eigenen Sünde, die Abkehr davon und die Bitte um Vergebung, der von Jesus Trost zugesprochen und dann auch Trost gespendet wird? Geht es um das Beklagen der Ungerechtigkeit dieser Welt und den (aktiven) Protest dagegen, dem eine kommende Änderung der Verhältnisse versprochen wird? Oder ist ein Leiden an den unvollkommenen Verhältnissen dieser unserer Welt im Blick, das ein Ende finden soll, wenn Gott sein Reich aufrichtet?  

Ich tendiere zur letztgenannten Deutung. Da hätte dann auch meine/unsere je aktuelle und akute Trauer Platz, aber es müsste uns gleichzeitig bewusst sein, dass es nicht nur diese Trauer gibt, sondern dass sie ein Bestandteil einer umfassenderen Trauer ist, welche diese Welt betrifft und immer wieder prägt, bis Gottes Trost zum Durchbruch kommen wird. Noch ist es nicht soweit. Das Versprechen steht, anders als in der ersten Seligpreisung, im Futur, wird also in der Zukunft eingelöst werden.

1) a.a.O. S. 40   2) a.a.O. S. 41   3) Luz, a.a.O. S. 208


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