{"id":73,"date":"2021-04-10T13:15:59","date_gmt":"2021-04-10T13:15:59","guid":{"rendered":"https:\/\/bibelblogplus.ch\/?p=73"},"modified":"2021-04-10T13:15:59","modified_gmt":"2021-04-10T13:15:59","slug":"die-seligpreisungen-iv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bibelblogplus.ch\/index.php\/2021\/04\/10\/die-seligpreisungen-iv\/","title":{"rendered":"Die Seligpreisungen IV"},"content":{"rendered":"\n<p>Matth\u00e4us 5, 6<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em><strong><em>Gl\u00fccklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und d\u00fcrsten; denn sie werden satt werden.<\/em><\/strong><\/em><\/strong><strong><em><strong><em><\/em><\/strong><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die vierte Seligpreisung l\u00e4sst nochmals die in den einleitenden Bemerkungen schon angef\u00fchrte Frage aufkommen, in welchem Verh\u00e4ltnis die Seligpreisungen im Lukas- und Matth\u00e4usevangelium zu einander stehen. Bei Lukas lautet der entsprechende Satz n\u00e4mlich: \u201cGl\u00fccklich zu preisen seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr werdet satt werden.\u201d (Lukas 6, 21) Das f\u00fchrt zu der von Wengst exemplarisch entfalteten Vorstellung, wonach bei Lukas die \u00e4ltere, urspr\u00fcnglichere Version zu finden sei. Sie richte sich konkret an Menschen, die unter Mangel an Nahrung leiden. Matth\u00e4us habe diese Fassung \u201cethisiert\u201d, das heisst, er habe beim Niederschreiben seines Evangeliums seine damalige Gemeinde vor Augen gehabt. Diese habe aus Menschen bestanden, die zwar in einfachen Verh\u00e4ltnissen lebten, aber nicht direkt an Hunger litten. Deshalb habe Matth\u00e4us die Seligpreisung interpretierend erg\u00e4nzt: \u201cGl\u00fccklich zu preisen sind die, die <em>nach der Gerechtigkeit<\/em>&nbsp;hungern und d\u00fcrsten&#8230;\u201d, was dann so zu verstehen sei, dass sie sich engagieren daf\u00fcr, dass Hungernde satt werden. Diese Anpassung durch Matth\u00e4us sei nicht ein zu verurteilender Eingriff in den Text, sondern eine lobenswerte Aktualisierung desselben.<sup>1) <\/sup>Gerechtigkeit soll also gem\u00e4ss dieser Interpretation nicht f\u00fcr sich selbst erw\u00fcnscht, sondern f\u00fcr andere, Benachteiligte und ungerecht Behandelte, erstrebt werden. Wengst beruft sich dabei auf Traditionen des Almosengebens im Judentum, d.h. Liebeswerke, die auf die Herstellung sozialer Gerechtigkeit abzielen<sup>2)<\/sup>.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerechtigkeit &#8211; das scheint auf jeden Fall ein Schl\u00fcsselbegriff in der Bergpredigt zu sein. In den Seligpreisungen taucht er in Vers 10 nochmals auf. Wie ist diese Gerechtigkeit aber zu verstehen? &#8211; Geht es dabei um ein menschliches Verhalten, eine praktizierte Tugend? Oder ist eher die uns von Gott geschenkte Gerechtigkeit, die uns von der S\u00fcnde frei macht, gedacht? &#8211; Etwas salopp (und auch vorschnell) formuliert, k\u00f6nnte man das erste als \u201ckatholische\u201d, das zweite als \u201cprotestantische\u201d Interpretation bezeichnen. Interessant ist allerdings, dass offenbar die meisten alten Kirchenv\u00e4ter und tendentiell auch die ersten Reformatoren diese Seligpreisung im Sinne der ersten Deutung verstanden haben. Erst die zweite Generation der Reformatoren hat die Gerechtigkeit eindeutig als von Gott geschenkte Gabe verstanden. Hungern und d\u00fcrsten w\u00fcrde dann unsere Sehnsucht nach dieser Gabe bildlich umschreiben. Eine ausf\u00fchrliche und eindr\u00fcckliche Auslegung auf dieser Linie findet sich bei D. Martyn Lloyd-Jones in seiner Predigt zur Stelle unter dem Titel \u201cGerechtigkeit und Segen\u201d.<sup>3)<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Versteht man hingegen die Gerechtigkeit im Sinne eines menschlichen Verhaltens, kann \u201chungern und d\u00fcrsten\u201d danach nicht mehr nur eine Sehnsucht umschreiben, sondern muss im Sinne von \u201csich m\u00fchen um\u201d verstanden werden k\u00f6nnen. Luz weist nach, dass dies m\u00f6glich ist und er schliesst sich deshalb der altkirchlichen Deutung an.<sup>4)<\/sup>\u00a0\u00a0Ich folge ihm darin, denn Stellen wie die folgenden, legen ein aktives Verst\u00e4ndnis dieser Gerechtigkeit nahe:<br>&#8211; Bei der Taufe sagt Jesus zum z\u00f6gernden Johannes: \u201cLass es jetzt zu! Denn so geh\u00f6rt es sich; so sollen wir alles tun, was die Gerechtigkeit verlangt.\u201d (Matth\u00e4us 3, 15)<br>&#8211; In der Bergpredigt, nach den Seligpreisungen, deklariert Jesus: \u201cDenn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er nicht weit \u00fcbertrifft, werdet ihr nicht ins Himmelreich hineinkommen.\u201d (Matth\u00e4us 5, 20) Die Ausf\u00fchrungen dazu, wie diese bessere Gerechtigkeit dann aussehen soll, folgen in den Abschnitten danach, die wiederum auf Verhaltensweisen abzielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist auch hier wieder der Bezug zum Alten Testament. Von dort her l\u00e4sst sich pr\u00e4gnant festhalten: \u201cGerechtigkeit ist das von Gott in seinem Bund seinem Volk gebotene Verhalten\u201d.<sup>5)<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Susanne Schmid nimmt f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis dieser Art von Gerechtigkeit unseren Ausdruck \u201cjemandem gerecht werden\u201d zu Hilfe. Sie betont den Aspekt der Beziehung, der in diesem Verst\u00e4ndnis von Gerechtigkeit enthalten ist. \u201cGerecht sein\u201d, bedeutet demnach, &nbsp;den Anspr\u00fcchen des jeweiligen Gemeinschaftsverh\u00e4ltnisses gerecht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke nicht, dass damit ein Sehnen nach der von Gott geschenkten Gerechtigkeit durch Jesus Christus ausgeschlossen ist. Im Gegenteil: Das intensive Fragen nach einer gerechten Welt, das Erwarten der Vollendung der Erl\u00f6sung, das Verlangen nach Ver\u00e4nderung, auch nach Heil und Heiligung des pers\u00f6nlichen Lebens, all das geh\u00f6rt ja auch zum Leben als Christenmensch. Aber ein nur passives Warten darauf w\u00fcrde nicht zu den Intentionen der Berpredigt passen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller Bem\u00fchung um die zutreffende Interpretation des Anfanges dieser Seligpreisung soll der Nachsatz nicht vergessen werden: Dieses M\u00fchen um und auch Sehnen nach Gerechtigkeit soll nicht vergeblich sein. Es tr\u00e4gt die Verheissung der Erf\u00fcllung in sich. Diese ist allerdings in der Zukunftsform gegeben. Und doch blitzt sie immer wieder auf, insbesondere da, wo Jesus diese Gerechtigkeit aufrichtet und seine Gemeinde in seiner Nachfolge sich daran orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt noch die zuerst erw\u00e4hnte Frage nach dem, was Jesus gesagt und was Lukas oder Matth\u00e4us allenfalls daraus gemacht haben. Was ich pers\u00f6nlich nicht glaube: Dass Matth\u00e4us willk\u00fcrlich und eigenm\u00e4chtig Aussagen von Jesus in seinem Sinne ver\u00e4ndert hat. Wenn die Bibel &#8211; was ebenfalls meinem Glauben entspricht &#8211; Gottes Wort an uns ist, dann hat sein Geist auch dar\u00fcber gewacht, dass es uns seiner Absicht gem\u00e4ss erreicht. Wenn man sich die Seligpreisungen als zusammenfassende Thesen aus Reden von Jesus vorstellt, dann k\u00f6nnte es sein, dass er &#8211; ganz modern &#8211; unterschiedliche \u201cMilieus\u201d mit unterschiedlichem Akzent angesprochen hat, die Bettelarmen anders als die, welche genug zum Leben hatten, und dass Lukas und Matth\u00e4us je einen anderen Schwerpunkt festgehalten haben. Mache ich es mir zu einfach damit? &#8211; Der Blog gibt Raum zur Reaktion!<\/p>\n\n\n\n<p><sup>1)<\/sup>Wengst, a.a.O., S. 35f \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<br><sup>2)<\/sup>a.a.O.. S. 45<br><sup>3)<\/sup>Lloyd-Jones, a.a.O., S.89ff<br><sup>4) <\/sup>Luz, a.a.O, S. 210f \u00a0<br><sup>5) <\/sup>a.a.O, S. 211<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matth\u00e4us 5, 6 Gl\u00fccklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und d\u00fcrsten; denn sie werden satt werden. 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