Salz der Erde und Licht der Welt II

Matthäus 5, 14

Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.

Es ist die dunkelste Zeit des Jahres, in der ich diesen Beitrag verfasse. Die Tage sind kurz, die Sonne steht tief und zeigt sich an manchen Tagen gar nicht. Manchmal ist es nötig, das Licht im Pfarrbüro den ganzen Tag brennen zu lassen, um vernünftig arbeiten zu können.

“Ihr seid das Licht der Welt”, sagt Jesus und setzt damit voraus, dass es – in übertragenem Sinne selbstverständlich – in dieser Welt jahraus, jahrein so finster ist, dass es Licht braucht, um sich orientieren zu können. Da mag, wer fortlaufend liest, an Matthäus 4, 16 zurückdenken: “… das Volk, das in der Finsternis sass, hat ein grosses Licht gesehen…”, was wiederum aus Jesaja 9 zitiert ist, einem Text, der auch in Gottesdiensten und Andachten der Adventszeit häufig vorgelesen wird. Dieses grosse Licht wird, das ist nicht erstaunlich, bei Matthäus auf Jesus gedeutet. Dementsprechend bezeichnet Jesus sich selbst in einem der bekannten so genannten “Ich-bin-Worte” als Licht der Welt: “Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.” (Johannes 8, 12)

In der Tradition des Judentums wurde die Metapher vom Licht in unterschiedlicher Hinsicht verwendet, bezogen auf Israel, auf die Mosebücher (Torah), auf die Stadt Jerusalem, auf einzelne vorbildliche Lehrer oder Gerechte (vgl. Römer 1, 19), auf den Gottesknecht (Jesaja 42, 6 und 49,6). Da kann man nachvollziehen, dass Jesus sich selber quasi in diese Reihe stellt. Umso erstaunlicher nun aber die Deutung auf die in der Bergpredigt angsprochenen Zuhörer und Zuhörerinnen. Genau wie im voranstehenden Vers 13 ist auch hier das “Ihr” betont, und wieder ist die ganze christliche Gemeinde angesprochen, nicht nur einzelne besondere “Leuchten” oder “Heilige”.

Wieder fragen wir: Wie kann es sein, dass damals völlig unbedeutende Menschen, wie kann es sein, dass wir als heutige Christen Licht der Welt sein sollen?

Wie erwähnt, setzt Jesus voraus, dass die Welt sich in einem Zustand der Finstenis befindet. Aber muss man einer solchen Prämisse heutzutage nicht widersprechen? Immerhin haben wir doch das Zeitalter der Aufklärung erklebt, und es ist doch nicht zu bestreiten, dass mit ihr eine ganze Menge Licht in diese Welt gekommen ist. Lloyd-Jones bemerkt dazu Mitte des letzten Jahrhunderts aber einschränkend: “Unsere Erkenntnis ist eine dingliche Erkenntnis, … eine Erkenntnis des Lebens auf einer rein biologischen und mechanischen Ebene. Aber unsere Erkenntnis über die eigentlichen Faktoren, die erst das Leben zum Leben machen, hat sich überhaupt nicht erhöht.” 1)  – “Was die grossen monumentalen Fragen betrifft – wie wir leben sollen, wie wir das Böse und die Sünde vermeiden können … befinden wir uns immer noch in tiefster Finsternis.”2)

Hat sich daran etwas geändert in den Jahrzehnten seither? – Ich denke, eher nicht. Die Finsternis ist geblieben. Wer aufmerksam duchs Leben geht, empfindet sie manchmal geradezu greifbar. Was aber ebenfalls geblieben ist, ist der Anspruch bzw. die Zusage von Jesus, dass Christen das Licht der Welt sind, Experten des Lebens sozusagen. Dies nicht aufgrund ihrer Schlauheit oder anderer besonderer Fähigkeiten, sondern allein durch Jesus selber. Seine Zusage an uns: “Ihr seid das Licht der Welt” muss zusammen mit seinem Selbstzeugnis: “Ich bin das Licht der Welt” gehört werden. Nur sofern und inwieweit Jesus uns das Licht des Lebens gibt, können wir selbst es sein (vgl. dazu Epheser 5, 8: “Auch ihr gehörtet einst zur Finsternis, ja, ihr wart selbst Finsternis, aber jetzt seid ihr Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid. Lebt nun auch als Menschen des Lichts!”).

Ohne Bild gesprochen, geht es darum, dass durch die enge Verbindung des Glaubens mit Jesus er uns verändern kann, und wir etwas von seinem Wesen verinnerlichen. Nochmals Lloyd-Jones: “Als solche, die dem Evangelium glauben, haben wir Licht, Erkenntnis und Unterweisung empfangen. Aber zusätzlich ist das alles auch Teil unserer selbst geworden. Es ist unser Leben geworden, so dass wir es reflektieren.”3) Nochmals von einem anderen Erklärungsansatz ausgehend, kann man darauf hinweisen, dass hier das Wirken des Heiligen Geistes zum Tragen kommt, der in den Gläubigen wohnt, sie prägt und durch sie hindurch wirkt.

Was für eine grosse Aufgabe, die Jesus Christus seiner Gemeinde zugedacht hat. Es ist eine Ehre, Licht sein zu dürfen, aber manchmal auch eine schmerzliche. Denn da, wo das Licht scheint, wird auch die Finsternis erst recht gewissermassen sichtbar. Und nicht immer ist sie gewillt, zurückzuweichen. Manchmal ist es doch so, dass man zwar weiss, was richtig und gut wäre, und dann trotzdem bei dem verharrt, was falsch und verkehrt ist. So hält kurz und prägnant schon Johannes 3, 19 fest:  ”Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.”

Es bleibt die Hoffnung, dass das Licht trotzdem sich durchsetzen wird, oder wie der zweite Versteil mit einem neuen Bild veranschaulicht: Eine Stadt, die auf einem Hügel erbaut ist, ist weitherum sichtbar, man könnte ergänzen: durch ihre Lichter sogar in der Nacht. Sie kann dem, der im Finstern wandert, Orientierung geben und ihn in sich aufnehmen. – Ein schönes Bild für die christliche Kirche, finde ich.

1) Lloys-Jones, a.a.O. S. 191

2) a.a.O. S. 192

3) a.a.O. S. 195


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